Bei Wind und Wetter

Der Wind ist auch nicht mehr das, was er mal wahr.

Diese Bemerkung ist natürlich ’ne Binse. Der Wind ist immer und zu jeder Zeit anders, als eben gerade. Er ist ja das sprichwörtlich Unstete, der zuverlässig Unzuverlässige. Dauernd in Bewegung, rechts- oder rückdrehend, böig, stürmisch, zunehmend oder abflauend. Und dann noch die 360 verschiedenen Richtungen, aus denen er wehen kann, vermischt mit Dutzenden von unterschiedlichen Temperaturen, Nebel, Regen, Eiskristallen, Gischt.

Landratten gehen solch differenzierenden Betrachtungen zur Luftbewegung sonstwo vorbei. Wenn Kachelmann oder seine Epigonen abends das Wetter von morgen verkünden, interessieren sich 99 von hundert Zuschauern  allein für die Wahrsagungen zu Sonne und Regen. Wir Seeleute, Segler zumal, können aber gar nicht genug Details zum Wind, seiner Stärke, seiner Richtung und seiner Dauer erfahren. Hängt davon doch unser Fortkommen, unser Wohlbefinden, unsere Sicherheit ab.

Nehmen wir zum Beispiel mal den Wind von heute. Er bläst vom Nordwesten der nördlichen USA in Richtung Bermuda. Wir lassen uns von ihm nach Südost blasen. Windstärke sechs, Flotte Fahrt. Da sollten wir dem Wind doch dankbar sein.

Sind wir aber nicht. Bläst er doch nicht nur die LUV, er schiebt auch noch ziemliche Wellenberge vor sich her. Und die verderben alles.  Claus kann sich am Ruder noch so anstrengen, den Kurs 156 Grad hält er beim besten Willen nicht. Die See reißt  das Heck unseres Bootes mal hierhin, mal dahin. Vorn schießt die LUV unvermittelt nach mal nach Backbord, mal nach Steuerbord. Die Delphine, die ihre eleganten Hechtsprünge eben haarscharf am Bug vorbei zielen , müssen höllisch aufpassen, nicht doch mal von der erratischen Bordwand eine gewischt zu bekommen.

Zum Kochen abkommandiert, verzweifle ich in der Kombüse an den überall herumtollenden Zwiebeln, Tomaten und Kartoffeln. Sie rollen vom Schneidebrett, flüchten vorm Messer, springen aus der Tupperdose, wollen nicht in den Topf, der Topf will nicht auf dem Herd bleiben und die Suppe nicht im Topf. Björn bekommt von diesem Tohuwabohu nichts mit. Er interessiert sich vorerst nicht fürs Essen, eher im Gegenteil. Er hat sich mit einer ausgewachsenen Seekrankheit in die Koje gepackt. Kotzeimer im Arm. Eggert ist wie immer sehr gelassen. Er ist selber so etwas ähnliches wie ein Wetterfrosch und kann sehr präzise und detailliert erklären, warum der Wind so weht wie er weht. Aber ändern kann er ihn nicht um den kleinsten Hauch.

Nun glaubt ja der Laie, das Segelboote gegen den Wind überhaupt nicht, mit dem Wind aber recht ordentlich vorankommen.  Weit gefehlt. Der Kurs direkt vor dem Wind ist der blödeste, schaukelligste, auch der gefährlichste. Eine falsche Bewegung des Rudergängers und das Großsegel  fängt die unter Hochdruck stehende Luft von der falschen Seite ein, es schlägt dann mit ungeheurer Macht und Geschwindigkeit von Lee nach Luv und der metallene Grossbaum zertrümmert alles, was ihm bei dieser Patenthalse im Wege ist. Bei sowas sind schon Masten gebrochen, Seeleute reihenweise über Bord gegangen und Köpfe, nicht rechtzeitig geduckt,  geplatzt mindestens aber zerbeult.

Wie eingangs aber bereits festgestellt, bleibt ja kein Wind so, wie er war, also wird auch dieser unser heutiger seine Richtung und Stärke  ändern. Wenn wir einen Wunsch frei hätten, wird er ein wenig rechts drehen, dabei vielleicht etwas, aber wirklich nur etwas abnehmen und wärmer werden, ruhig etwas mehr. Eggert gelingt es Nachmittag, aus dem Zaubergerät mit dem Satelittendingsda einen Wetterbericht aus dem Äther zu fischen. Und –  oh Wunder – der Wind soll danach ein wenig rechts drehen und ein ganz klein wenig abnehmen und es soll ordentlich wärmer werden.

Leider feilt das Wetter auf seine Vorhersage. Der Wind brist kräftig bis zur Sturmstärke auf, er dreht zurück und er wird kälter. Gegen zehn Uhr müssen alle Mann an Deck und alle Segel Bergen. Vor Topp und Takel rutschen wir noch mit fünfeinhalb Knoten die Wellenberge hinunter.

Aber auch dieser Sturm bläst sich aus. Bei Sonnenaufgang entfalten sich unsere Segel wieder. Wir machen wieder gute Fahrt. Bis zu den Bermudas sind es noch drei Tage … Wenn der Wind so bleibt….

Werbeanzeigen

Backbord rot – Steuerbord grün

Michael ist heute früh  auf Krawall gebürstet. Erst beschwert er sich mürrisch darüber, dass die vier Schokoladentafeln gestern an drei verschiedenen Stellen des Schiffes verstaut worden seien und keine an seinem rechten Ort, jedenfalls nicht im eigentlich seit Jahren für Süssigkeiten vorgesehenen Schapp. Es ist ihm auch nicht recht, dass zum Frühstück keine Wurst auf dem Salontisch der LUV liegt. Wer denn gestern beim großen Provianteinkauf die Wurst vergessen habe? Dabei war er mit im Supermarkt. Und jetzt will er, nur mäßig beschwichtigt durch ein Rührei mit Speck, auf einmal wissen, ob sich Windräder linksherum oder rechtsherum drehen.

Das ist zwar eine für Segler durchaus relevante Frage – richtig beantwortet hilft sie, die Windrichtung anhand der an Land stehenden und sich drehenden Windräder sicher zu bestimmen. Aber Michael will gar keine Antwort – er glaubt sie nämlich schon zu kennen. Er will Wirrnis verbreiten: „Wie bestimmst Du die Drehrichtung: Wenn du vor der Windmühle stehst? Oder wenn Du von hinten draufguckst?“

Ich sage: „Das Ding dreht sich doch nicht anders, wenn du mal von der einen, mal von der anderen Seite hinschaust.“

Doch, sagt Claus, von hinten sähe  es aus, als ob es linksrum dreht und von vorn andersherum. Oder umgekehrt.

Wie das denn bei Schiffsschrauben sei, fragt Michael, nicht etwa um das Thema zu wechseln. Eggert sagt: „Da mußt du tauchen und nachschauen.“  Und Klaus ergänzt, man könne auch den Motor  anschauen und versuchen, an der Welle die Drehrichtung zu erkennen. Aber, so Michael: “ Was heißt denn beim Motor von vorn betrachtet und was von achtern?“ Die Frage bleibt offen. Zum tauchen ist es viel zu kalt. Die Luft im Hafen von Barrington, Rhode Island, misst grad null Grad, das Wasser ist mal eben 6 Grad wärmer.

Es ist Herbst in den USA und wir bereiten uns auf die lange Reise in den warmen karibischen Süden vor. Die Luv muß noch hier und da seetüchtig gemacht werden. Das Ruder bekommt ein neues Gestänge. Das Rigg wird sorgfältig geprüft. Eigentlich wollen wir auch die Navigationselektronik reparieren. Aber die Ersatzteile stecken in unserem Fluggepäck und Air France schafft es seit drei Tagen nicht, die Koffer und Seesäcke von New York endlich nachzuliefern. Wir sind ohne Unterwäsche, ohne Zahnbürste und ohne Rasierseife

Das kann schon mal zu wunderlichen Tischgesprächen führen. Ich leiste meinen Beitrag: Man wisse ja, dass auf der Südhalbkugel das Wasser im Waschbecken genau andersherum durch den Abfluss herauskreiselt, als bei uns im Norden und es wäre doch interessant zu erfahren, auch aus seemännischer Sicht, wegen der Richtungsbestimmung des Windes, ob sich zu Beispiel in Südafrika die Windräder andersherum drehen. Eggert weiß, dass dort unten der Wind nicht bläst, sondern saugt, jedenfalls wenn man das Tief von oben betrachtet. Björn, er ist Lehrer, weiss, dass das mit dem falsch herum drehenden Waschbeckenwasser an der Corioliskraft liegt und die etwas mit der Erdumdrehung zu tun hat.

Bevor nun jemand fragen kann, ob die Erde sich nun so oder andersherum dreht, stellt Michael seinen nackten rechten Fuß auf die Sitzbank.  Der Nagel des großen Zehs ist rot angemalt. Wir erfahren, dass seine Freundin den Pinssel geschwungen hat und zwar in der Hoffnung, die Südseeschönheiten von ihrem Schatz abzuschrecken. Denn, so Michael, wer so einen angemalten Zeh bei einem Mann sehe, der weiß gleich: Entweder ist der schwul oder in festen Händen einen liebenden Frau.

Ich wende ein, dass der rechte große Zehennagel nicht rot, sondern grün angemalt gehöre, jedenfalls bei Seeleuten. Denn seit altersherr gelte diese Regel in der Seefahrt: Backbord rott. Steuerbord grün. Und es sei völlig egal ob man den angemalten Seemann nun von vorn oder von achtern zu sehen bekommt. Gegen dies Argument erhebt sich dann kein Widerspruch mehr.

Providence, Rhode Island

Natürlich muß man nicht unbedingt wissen, wo Providence liegt. Aber ist immerhin ist Providence die Hauptstadt von Rhode Island, eines der kleineren New England -Staaten im Nordosten der USA. Und wenn man dort sein Schiff liegen hat, und man dort an Bord gehen will, sollte man schon wissen, wohin die Reise geht. Wenn man es vergisst, wird des kompliziert.

In Boston steige ich übermüdet aus dem Flieger.  Die Immigration dauert endlos. Von den 20 Abfertigungsschaltern sind nicht mal die Hälfte besetzt. Gerade sind zwei vollbesetzte Maschinen von Übersee gleichzeitig eingetroffen. Die Wartehalle ist brechend voll. Die Passagiere werden durch die flughafentypische Absperrungen in schier endlose mäandernde Warteschlangen gezwungen.

Die in den USA übliche Einreiseprozedur ist noch einmal verkompliziert worden, seit ich zuletzt hier war. Jetzt muß man erst die vier Finger der echten Hand, dann den rechten Daumen, dann die vier Finger der linken Hand, dann den linken Daumen auf den Scanner legen. Jetzt noch ein Foto und dann die Befragung: Wohin des Wegs? Warum. Welches Hotel? Nein, kein Hotel?  Ein Boot? Allein? Ihr eigenes Boot? Wieso ist das Boot hier und Sie nicht?

Ich bin ja nun hier und irgendwann ist der Wissensdurst der durchaus freundlichen Beamtin gestillt. An ihrem Schalterkasten klebt ein Plakat mit einer brandneuen Selbstverpflichtung ihres Dienstes: Man wolle alle Reisenden freundlich und respektvoll behandeln. Gut so. Das war schon mal anders.

Mit der Peter Pan Buslinie soll es weitergehen. Michael hatte es mir detailliert beschrieben. Und richtig, am angezeigten Ort steht der grüne Bus und er ist eben dabei abzufahren. Ich werfe mein Gepäck ab, haste ein paar Schritte, klopfe an die Scheibe. Der Bus hält. Ich schnappe meine beiden Taschen und steige ein. Wo soll`s denn hingehen? , fragt der Fahrer. „Nach….. „.  Ich will antworten, kriege aber kein Wort heraus. Wie heißt doch gleich das verfluchte Kaff? Der Fahrer schaut mich an. Alle Fahrgäste schauen mich an. Sehr höflich, sehr zurückhaltend. Es dauert eine Äonen lange, eine quälende Minute, in der mir nichts einfällt. Schließlich sage ich: „Eine Stadt im Süden von Boston.“ Wenigstens das weiss ich. Wieder eine grauenhafte Pause. Der Fahrer legt den Kopf zur Seite. Auch die Passagiere sind sehr interessiert. „OK“, sage ich, „ich steige wieder aus.“  Da, aus dem nichts, fällt das Wort aus dem zuvor leeren Kopf auf die Zunge: „Providence. Ich muß nach Providence.“

Da müsse ich den nächsten Bus nehmen. Auf dem stehe auch mein Ziel vorne drauf: „Da können sie gar nichts falsch machen. Providence. Rhode Island.“

Nicht der Rede wert


JACKSON UND ROSI
Der Mann im Kajak sieht aus wie ein Trapper. Wettergebräuntes Gesicht, schlotterige Lederjacke, speckiger Lederhut, verziert mit braunen Federn. Seine Begleitung, eine hübsche Indianerin, steht auf einem kippeligen Paddelbrett. Die beiden heißen uns „Willkommen in der  Austernbucht, “ und ob uns irgendetwas fehle, ob wir denn wirklich mit allem versorgt seien. Man wolle und werde gern helfen.
Am Abend zuvor hatten wir unseren Anker in den Grund der Oysterbay geworfen und durchs Fernglas den Trapper dabei beobachtet, wie er seine Ziegen fütterte. Wie sich herausstellt, hatte er uns auch wahrgenommen. In einem Umschlag reicht er vom Kajak ein Foto von der Luv herüber, wie sie malerisch in der Bucht vor Anker liegt.
Diese Begegnung ist so typisch für so viele Begegnungen während unserer Reise, die für uns -vorerst- heute in Halifax mit einem Crew-Wechsel endet. Ob er uns denn in die Stadt fahren dürfe, bietet der Kommodore des Armdale-Segelclubs an, er stehe er für jede denkbare Hilfestellung bereit. So war es immer und überall. Wo immer wir die LUV angebunden haben, wir erfahren eine herzliche, voraussetzungslose Hilfsbereitschaft. Über den alten Lobster-Fischer,  der uns ausgiebig seine Heimatstadt auf Prince Edward Island zeigt, habe ich  bereits berichtet. Andere Kanadier waren nicht weniger freundlich zu den deutschen Segler. Mal bietet man uns den eigenen Wagen für einen Ausflug an, mal werden wir zum Einkauf begleitet und dabei beraten. Mal bekommen wir zu einem wirklichen Spottpreis ein Dutzend gekochte Hummer. Als wir von Souris nach Cape Breton Island segeln, unterbricht ein Fischer auf hoher See seine Arbeit und fährt mit voller Kraft hinter uns her.  Über Wind und Wellen hinweg warnt er die fremden Segler vor einem heranziehenden Unwetter. Wir rufen zurück, wir hätten bereits einen Wetterbericht erhalten und die LUV könne ordentlich was ab. Dennoch: “ Herzlichen Dank.“  – „Nicht der Rede wert.“, schreit der Fischer und dreht ab.
An unserem Ankerplatz im  Salmon-River unterbricht ein ortsansässiger Handwerker seinen späten Feierabend und fährt James zu einem Meilen entfernten Laden, damit wir anderntags Milch und Eier zum Frühstück haben. Und James und Peter Zigaretten.
Brot, wunderbare Baguettes zum Aufbacken, schenkt uns die Inhaberin und Köchin des Salmon-River-Inn, einer in ziemlicher Abgeschiedenheit ums Überleben kämpfenden kulinarischen Überraschung mit deutscher Küche. Margit Wechslers Spezialität sind unter anderem Currywurst oder Sauerbraten. Vor 23 Jahren wanderte die Mutter von vier Kinder aus Bayern nach Kanada aus, adoptierte dort noch mal drei weitere, eins davon blind, und kümmert sich resolut um drei zusätzliche Pflegekinder. Sie sagt: „Nicht der Rede wert.“
Wir verholen die LUV in Halifax vom Armdale Yacht Club an einen neuen Liegeplatz mitten in der Stadt. Es sind nur ein paar Seemeilen, vorbei an beeindruckenden Anwesen und luxuriösen Wasservillen mit großen Yachten direkt am ufernahen Grillplatz. Die Blankeneser würden neidisch werden. Ein Junge überholt uns mit sehr hohem Tempo in seinem Zodiac. Zwei Minuten später strampelt er im eiskalten Wasser, sein Boot rast mit jaulendem Motor in immer engeren Kreisen um den Schiffbrüchigen, der verzweifelt versucht, die Beine vor der rasenden Schraube in Sicherheit zu bringen. „Help!“, ruft er, „Help!“ Er hatte offensichtlich die erste Regel beim Schlauchbootfahren verletzt und die rote Reissleine nicht am Handgelenk befestigt, die den Aussenborder sofort stoppt, wenn der Bootsführer über Bord gehen sollte.
Wir sind die einzigen, die von dem  Zwischenfall Notiz genommen haben. Die LUV ändert den Kurs. Eggert steuert unseren großen Segler zwischen den wildgewordenen kleinen Zodiac und den verängstigten Schwimmer in Not. Das Boot kollidiert zweimal mit uns, ändert dann seinen Kurs und saust in Richtung Ufer. Übers Heck können James und Peter dann Jackson, elf Jahre, an Bord hieven. Rosi sorgt sich sofort um den schnatternden und zitternden Jungen. Ich klettere in unser Beiboot und berge rudernd den Zodiac, den mittlerweile ein Mann am Ufer eingefangen hat.
Jackson braucht ein paar Minuten und eine Tasse heiße Schokolade, bis er uns die Telefonnummer seiner Eltern nennen kann. Wir fahren zwei Meilen zurück und liefern ihn ab. Die Mutter will sich ein übers andere mal bedanken. „Nicht der Rede wert.“, sagt Eggert.
ROSI UND JACKSON2
Luv2
Luv

Nichts für Anfänger, nichts für Zögerliche

Ich weiß gar nicht, womit ich diesen Bericht beginnen soll. So viel gibt es hier auf der Insel Neufundland zum Staunen, zum Bewundern, zum Kopfschütteln; da ist so viel Seltsames, Widersprüchliches, ja Wundersames. Aus all diesen Wahrnehmungen und Eindrücken in wenigen Zeilen ein stimmiges Bild über dies abgelegene und neblig-kalte Land und seine Leute zu zeichnen, muss Stückwerk bleiben. Deshalb hier nur ein kleines Sammelsurium von Kuriositäten und Auffälligkeiten vom nordöstlichsten Punkt unserer Reise.

Im einzigen Hafenhandbuch für Neufundland, das wir haben auftreiben können, werden Segler wie wir ja gewarnt, diese Küste sei „nichts für Anfänger und nichts für Zögerliche.“ In der LUV-Crew gab es zwar etliche, die ein wenig Zurückhaltung an den Tag legten, als der Reiseplan besprochen wurde. Ob das denn wirklich sein müsste? So weit weg und was das denn soll? Aber Eggert und ich hatten uns schließlich durchgesetzt; ein wenig mit dem Hinweis, dass Hafenhandbücher auch nicht immer das gelbe vom Ei seien. In unserem Exemplar findet sich zum Beispiel diese historisch interessante Information über die indianischen Ureinwohner der Insel, die Beothuk: „Als Ergebnis eines komplexen Mix von Ereignissen starben die Beothuk 1829 aus.“ Wer so etwas so schreibt, dem muss man auch sonst nicht alles glauben.

Nach stürmischer Fahrt über die Cabot-Straße binden wir die LUV im Fischereihafen von Port aux Basques an die Pier und wollen uns ein Auto mieten. Hier auf der Insel fährt jedermann mit dem eigenen Auto, jede Strecke. Der Hafenmeister, der uns die Liegegeldrechnung vorbeibringt, steigt in seinen 480 -PS-Pickup und rollt von seinem Hafenmeisterbüro bis zur LUV, ganze 67 Meter, nachgemessen!

Der nächste Autovermieter ist im benachbarten grösseren Ort, knappe 170 Kilometer entfernt. Wie man da hinkommt, wollen wir wissen. Bus? Der fährt nur einmal am Tag und zwar spät Abends und dann ist das Büro dort geschlossen. Eisenbahn? Die wurde vor 40 Jahren abgeschafft.  Taxi? Unbezahlbar.

Auf der Pier schnacke ich einen alten Mann an, ob er denn Rat wisse. Doch, ja, er habe gerade Zeit. Er könne mich hinfahren, gegen eine geringe Gebühr.

Wir haben also endlich einen Mietwagen. Wir erfahren, dass Neufundland über einen Highway One verfügt, beinahe eine Ringstraße um die Insel herum, die Südküste ist aber ausgelassen. Bis zum Hauptort St. Johns sind es so an die 900 Kilometer. Das schaffen wir nicht. Einen Highway Two gibt es nicht in diesem Land, das deutlich größer ist als zum Beispiel Dänemark.

Wir beschränken uns auf den Nationalpark Gros Morn. Auf der Fahrt dahin läuft ein ausgewachsener Elch vor uns über die Straße, frisst ein paar Baumknospen und verschwindet wieder im Wald, vier Karibus grasen auf einem Hochmoor. Kanada-Gänse, welche sonst, paddeln mit ihrem Nachwuchs in flachen Teichen. Männer in halshohen Gummihosen stehen in steinigen Stromschnellen und angeln Lachse.

In einige der Schlaglöcher passt gut und gerne eine Mülltonne. Ein Schild weist darauf hin, dass der Wind von den Bergen schon mal mit 200 Stundenkilometern herunterbrüllen kann. Hunderte abgeknickte Stämme bilden an manchen Stellen in der Landschaft bizarre Baum-Mikados und verleihen dieser Warnung Glaubwürdigkeit.

Wir erleben eine atemberaubende Landschaft. Im Süden baumlos und karg, im Norden hohe dicht bewaldete Berge und tief ins Land eingeschnittene Fjorde, da könnten die Norweger neidisch werden.  In den kleinen Fischerdörfern stehen Schneemobile in der Garage. Die Fischfabriken  an halbverfallenen Piers sind sämtlich rostige Ruinen, seit vor Jahrzehnten das Meer nach Jahrhunderten der rücksichtslosen Überfischung die vormals sagenhafte Kabeljauproduktion auf den Neufundlandbänken eingestellt hat. Wo früher bis zu 300 Menschen vom Fischfang lebten, hoffen jetzt 30 Einwohner auf zufällig vorbeikommende Touristen.

Wieder im Hafen lernen wir Maria kennen, die Stimme vom UKW-Kanal 11, die uns bei der Ansteuerung von Port aux Basques beraten hatte. Sie erzählt uns, dass die Regierung ihr den Job bei der Funkberatung mit dem Versprechen aufgeschwatzt habe, sie müsse hier „nur kurze Zeit“ ausharren und könne bald in ihrem Heimatort arbeiten, dem vergleichsweise mondänen Halifax. Nun fürchtet sie, auch in zehn Jahren noch hier zu sein. Sie sieht aber auch die positive Seite ihrer Arbeit. Sie ist absolut stressfreie. Im Schnitt hat sie es mit sechs Schiffen pro Tag zu tun. Da war die Meldung der LUV eine willkommene Abwechslung. Von der Seefahrt versteht Maria nichts. Nur so viel, dass sie erleichtert vernimmt, dass die deutschen Segler nicht weiter nach Norden wollen: “ Dort ist immer noch gefährliches Packeis.“

Aber auch im Seegebiet südlich von Neufundland ist es grade nicht gemütlich. Als wir anderntags auslaufen, erhalten wir von Maria auf Kanal 11 den aktuellen Wetterbericht der kanadischen Küstenwache: „Starkwindwarnung, Gefahr von 30 Knoten, später abnehmend“. Die Meteorologen von Neufundland sind aber leider auch nicht besser, als die bei uns daheim. In der Cabot-Street brist es erst auf 35 Knoten, dann 40 Knoten auf, der Wind nimmt schließlich auf 50 Knoten zu. Das ist ein ausgewachsener Sturm von elf Beaufort. Dafür ist es jetzt wärmer. Elf statt sechs Grad Celsius. Irgendwo weit im Süden, ist Sommer.

.

You wonna Ride?

„You wonna ride?“ – Im Hafen von Sourie hält ein Auto neben der LUV-Crew. Wir hatten uns eben mit unseren Einkaufstüten auf den Weg ins Zentrum des kleinen Ortes gemacht, als das Fenster herunter gekurbelt wird. Ob er uns mitnehmen solle, fragt der Mann, dem vier Fußgänger wohl komisch vorgekommen sind. Hier, auf der Prince Edward Insel, ist man entweder mit dem Boot unterwegs oder mit dem Auto. Niemand läuft durch diese Gegend.

Wir klettern in den Wagen, der riecht sehr nach Hummer.  Während der kurzen Strecke zum Einkaufszentrum erfahren wir über Sourie, dass es 1800 Einwohner zählt, die meisten sind Fischer, Hummerfischer, fast alles Nachfahren von schottischen Einwanderern. Dort sei das Krankenhaus, sagt der Fahrer, hier hätten die Gemeindeväter gerade eine Schule platt gemacht und „da ist der Schnapsladen, wenn ihr was braucht.“  Alkoholische Getränke erhalte man hier in Kanada ausschließlich in solchen lizensierten Geschäften und wir bekommen neben diesem Hinweis von unserem Fremdenführer noch eine Visitenkarte mit den Kontaktdaten der örtlichen Anonymen Alkoholiker: „Wenn Ihr Probleme mit dem Saufen haben solltet.“ Er heiße übrigens Tim und – wie viele Schotten hier  – MacDonald und er sei auch bei den AA.

Vor dem Supermarkt überlegt es sich Tim anders: „Ich zeig Euch mal was.“ Und er zeigt den deutschen Seglern, ohne dass die darum gebeten hätten, einfach mal so, seine schöne Heimat. „Hier“, sagt er stolz, „bekommen wir eine neue Brücke über den Fluß.“ Der Man dort, Timm nennt uns den Namen, angelt mit Fliegen nach den sehr schmackhaften Salzwasserforellen. Dies Grundstück mit Seeblick gehört jetzt reichen US-Amerikanern, die hier alle guten Parzellen aufgekauft haben, als sie noch richtig billig waren. Man gewinnt den Eindruck, dass Tim MacDonald auf reiche Amerikaner nicht gut zu sprechen ist.

Die Fahrt geht durch eine hügelige Landschaft, vorbei an buschigen Wäldern,  kleinen See, großen Bauernhöfen. Wir besichtigen eine katholische Kirche, gebaut aus dem allgegenwärtigen tiefroten Inselsandstein, der uns sehr an Helgoland erinnert. Viele der alten Holzhäuser, die das Bild der weitläufigen Siedlung prägen, sind zu verkaufen. Geld für neue Farbe, sagt unser freundliche Fahrer, hätten auch nicht mehr alle und deutet auf Gebäude, deren Fassaden schon mal  bessere Zeiten erlebt haben. Nach einer Dreiviertel Stunde wissen wir fast alles über Geschichte und Gegenwart Souries.

Über sich selbst erzählt Tim, dass er mal, vor vielen Jahrzehnten, mit dem berühmten Sir Edmund Hilarie an einer Antarktikexpedition teilgenommen habe. Drei Wochen seien sie damals im Eis eingeschlossen gewesen.

Morgen, am Sonnabend, werde er übrigens 78 Jahre  alt. In der Früh fahre er mit seinem Kutter hinaus zum Fischen, wie immer seit mehr als fünfzig Jahren: „Nur sonntags nicht.“

Als Tim MacDonald uns schließlich absetzt, sagt er: „Hat mich sehr gefreut.“

Ich sage: „Ganz meinerseits. Ganz uns gar meinerseits.“

Heiko Tornow

Literarische Reise

Die Sicht an der Südküste von Nova Scotia ist heute mal wieder mau. Die Glocken- und Heultonnen sind weit besser zu hören als zu sehen.

Rosi liest im Cockpiot der LUV-Crew aus dem Buch vor, das sie sich auf ihren Kindle heruntergeladen hat: „Ein Mann mit dichtem blonden Haar hebt den Kopf, der sich eben noch zwischen den üppigen Brüsten  einer willigen Dienstmagd befunden hatte.“

Wir halten derweil angestrengt Ausschau nach den zahlreichen, selbst auf über 50 Metern Wassertiefe ausgelegten, Hummerkörben. Die langen Leinen mit den signalbunten Schwimmkörpern dürfen sich nicht in unserem Ruder verheddern.

Die  Zitate aus dem Schinken „Der Drachenkelch“ verkürzen uns die lange Reise auf das Angenehmste. Rosi liest:  „Da verdunkelte sich seine Welt, als die klauenartigen Hände ihm das Genick brachen.“

Eggert umkurvt mal wieder elegant eines der Hindernisse. Der Wind ist nicht so stramm und böig wie gestern. Die Sonne scheint, und wer den Windschatten der Sprayhood nutzt, braucht heute nicht mal Handschuhe.

Rosi liest: „Dann hob er liebevoll ihr Kinn an und sah in die von Tränen glänzenden Augen.“ Auch unsere Augen tränen mittlerweile.

Wir müssen eine Halse fahren. Der Steuermann hat sich allzu sehr ablenken lassen. Es wird eine gemütliche Q-Wende, niemand muß sich anstrengen. Rosi behält die ungeteilte Aufmerksamkeit aller.  Sie behauptet, den Phantasy-Schinken  ohne Absicht,  in grober Unkenntnis seiner literarischen Qualität, erworben zu haben.

Rosi liest kichernd vor: „Dankbar schaute Ariana ihn an, doch in ihrem Blick lagen noch tiefere Gefühle.“  Zisch sagt hoffnungsfroh: „Gleich kommt es zum Äussersten!“,  und er trimmt das allzu lose Unterliek des Großsegels.

Wetterkapriolen

Fast unsichtbar im Nebel

Wenn Segler über ihre Erlebnisse berichten, spielt das Wetter immer eine Hauptrolle. Das ist auf der einen Seite naheliegend und selbsterklärend, auf der anderen Seite aber selbst für geneigteste Landratten, die mit den ewigen Stories von Stürmen und Wellen und Wolken belästigt werden, nicht immer interessant. Dennoch, auf die Gefahr hin, zu langweilen: hier eine wirklich ungewöhnliche Geschichte über das Wetter in Nordost-Kanada.

Sie beginnt damit, dass heute die Frühstücksbutter beinahe von allein übers Pumpernickel geflossen wäre. Gemeinhin ist es morgens unter Deck so kalt, dass der fette Brotaufstrich entweder über einige Minuten  heftig angehaucht werden oder im Gasbackofen auf Streichtemperatur gebracht werden muß. Aber hier in Ballantyne’s Cove ist es um sieben Uhr in der Früh warm, richtig warm. Wenn es nicht so windig wäre, wir würden draußen im Cockpit frühstücken, mit kurzer Hose und dünnem T-Shirt. Es fühlt sich an, als wenn  man nach kurzen Flug vom nasskalten Hamburg im frühsommerlichen Südspanien landet.

Zwei Wochen lang  hat die LUV-Crew täglich mit dem winterlichen Klima von Nova Scotia im Wonnemonat Mai gehadert. Die Einheimischen hatten uns denn auch bestätigt, dass wir besonderes Pech hätten. Nie sei es so kalt, so schneereich , so lang anhaltend eisig gewesen wie im Winter 2015. Die Dächer seien unter der Schneelast zusammengebrochen, erzählt die Inhaberin des kleinen Fish and Chip – Laden in Canso. Noch immer lägen die weißen Massen ungeschmolzen in den Urwäldern der Insel . Am 11. Mai habe man noch Eisschollen im Hafen von Ballantyne’s wegschieben müssen, berichtet der Fischer Bernhard, erst dann hätten er und seine Kollegen ihre Boote zu Wasser lassen können.

Eine Erklärung für den plötzlichen Temperatursprung finden wir in dem Umstand, dass wir uns seit gestern an der Westküste Nova Scotias aufhalten. Der Südwest-Wind, bisher vom Labradorstrom tiefgekühlt, erreicht uns nun nach einer gehörigen Strecke über sonnenbeschiene Landmassen. Aber ins Schwitzen sei man ohne Anstrengung um diese Zeit hier noch nie gekommen, sagt Walter Diamond, im örtlichen Segelclub seit Jahrzehnten der Schatzmeister: “ Ungewöhnlich, höchst ungewöhnlich.“  Wir spekulieren angeregt über die Folgen der Erderwärmung und des Klimawandels.

Am frühen Nachmittag bezieht sich der Himmel. Der Wind dreht rechts um 90 Grad, die Kaltfront eines neuen Tiefs überquert die Insel. Wir ziehen uns die langen Hosen wieder an und setzen die Mützen auf. Und die Butter ist auch wieder hart.

Am Anleger von Liscom Mills

Eggert mit Zisch in der Navi-Ecke

Der dritte Frühling

James fragt: „Hat die LUV Eisklasse?“ Keine so ganz abwegige Sorge, die ihn bewegt. Ohne Faserpelz, Handschuhe und Mütze traut sich niemand mehr nach draußen. Von unserem Ankerplatz im Yankee Cowe können wir mit dem Fernglas an Land frische Schneeplacken auf den Felsen und den umgestürzten Baumstämmen erkennen. Viel fehlt nicht mehr, und wir fühlen uns wie Polarforscher.

Als Eggert nach einem Reparaturausflug in den Mast wieder an Deck steht, ist er ziemlich steifgefroren. Von ganz oben, berichtet er, sei die Sicht auch nicht besser aber der kalte Wind noch stärker als hier unten. Die enge Ausfahrt aus unserer geschützten Bucht können wir nur erahnen. Aber was wir wissen: Davor tobt der Nordatlantik mit steilen, brechenden Wellen. Wollen wir das? Wollen wir nicht! Die LUV-Crew beschließt,  erst einmal bessere Bedingungen abzuwarten.

Der arktische Frühling dieses Jahres hat sich im kalten Labradorstrom ordentlich verspätet. Anfangs hatte sich Rosi noch gefreut, als sie zu Beginn unserer Kanadareise im Gold River nach der Blüte im Alten Land einen zweiten Frühling erleben durfte. Das Grün der Bäume durchbrach eben die Knospen, als wir die LUV Mitte Mai seeklar machten. Hier, an der äußersten nordöstlichen  Spitze von Nova Scotia und ein gutes Stück näher am Nordpol, ist die Natur noch einmal ein gutes Stück weiter zurück und wir sehen zum Dritten mal in diesem Jahr, wie sich die Tulpen aus der Frosterde bohren.

Gegen Mittag wirbt Eggert:“Lasst uns losfahren.“ Der Nebel hat sich ein wenig gelichtet. Wir können eine gute Kabellänge (ca 200 Meter) sehen. Die Sonne ist bereits  eine fahle Scheibe im noch grauen Luftmeer. Eggert lockt: „Es sind ja nur sieben Meilen.“

Tatsächlich, draußen ist es nicht halb so gräsig wie befürchtet. Wir sehen zwar rein gar nicht von der „landschaftlich schönen Küste“, die uns das Seehandbuch verspricht, aber nach 14 Meilen – typisch Eggert! – sind wir in einer durch Schären geschützten Inselwelt.

Aber erneut spielt das Wetter verrückt. Plötzlich scheint die Sonne, der Horizont ist voller Landschaft und das Windmessgerät zeigt 52 ,7 Knoten an. Das ist volle Orkanstärke. Ohne Vorwarnung, aus dem Nichts. Vor Topp und Takel macht die LUV ohne Segel und Motor 4,6 Knoten Fahrt. Mit Mühe machen wir fest in dem Fischerhafen von Canso. Dutzende Boote landen an der Holzbrücke ihren Fang an. Im Ort kann man gleichwohl nicht den kleinsten Hummer kaufen, kein Restaurant bietet die Krustentiere an. Die LUV-Crew hatte sich deutlich mehr versprochen. Nur Rosi, die ein Herz für Lobster hat, ist es zufrieden.