Bei Wind und Wetter

Der Wind ist auch nicht mehr das, was er mal wahr.

Diese Bemerkung ist natürlich ’ne Binse. Der Wind ist immer und zu jeder Zeit anders, als eben gerade. Er ist ja das sprichwörtlich Unstete, der zuverlässig Unzuverlässige. Dauernd in Bewegung, rechts- oder rückdrehend, böig, stürmisch, zunehmend oder abflauend. Und dann noch die 360 verschiedenen Richtungen, aus denen er wehen kann, vermischt mit Dutzenden von unterschiedlichen Temperaturen, Nebel, Regen, Eiskristallen, Gischt.

Landratten gehen solch differenzierenden Betrachtungen zur Luftbewegung sonstwo vorbei. Wenn Kachelmann oder seine Epigonen abends das Wetter von morgen verkünden, interessieren sich 99 von hundert Zuschauern  allein für die Wahrsagungen zu Sonne und Regen. Wir Seeleute, Segler zumal, können aber gar nicht genug Details zum Wind, seiner Stärke, seiner Richtung und seiner Dauer erfahren. Hängt davon doch unser Fortkommen, unser Wohlbefinden, unsere Sicherheit ab.

Nehmen wir zum Beispiel mal den Wind von heute. Er bläst vom Nordwesten der nördlichen USA in Richtung Bermuda. Wir lassen uns von ihm nach Südost blasen. Windstärke sechs, Flotte Fahrt. Da sollten wir dem Wind doch dankbar sein.

Sind wir aber nicht. Bläst er doch nicht nur die LUV, er schiebt auch noch ziemliche Wellenberge vor sich her. Und die verderben alles.  Claus kann sich am Ruder noch so anstrengen, den Kurs 156 Grad hält er beim besten Willen nicht. Die See reißt  das Heck unseres Bootes mal hierhin, mal dahin. Vorn schießt die LUV unvermittelt nach mal nach Backbord, mal nach Steuerbord. Die Delphine, die ihre eleganten Hechtsprünge eben haarscharf am Bug vorbei zielen , müssen höllisch aufpassen, nicht doch mal von der erratischen Bordwand eine gewischt zu bekommen.

Zum Kochen abkommandiert, verzweifle ich in der Kombüse an den überall herumtollenden Zwiebeln, Tomaten und Kartoffeln. Sie rollen vom Schneidebrett, flüchten vorm Messer, springen aus der Tupperdose, wollen nicht in den Topf, der Topf will nicht auf dem Herd bleiben und die Suppe nicht im Topf. Björn bekommt von diesem Tohuwabohu nichts mit. Er interessiert sich vorerst nicht fürs Essen, eher im Gegenteil. Er hat sich mit einer ausgewachsenen Seekrankheit in die Koje gepackt. Kotzeimer im Arm. Eggert ist wie immer sehr gelassen. Er ist selber so etwas ähnliches wie ein Wetterfrosch und kann sehr präzise und detailliert erklären, warum der Wind so weht wie er weht. Aber ändern kann er ihn nicht um den kleinsten Hauch.

Nun glaubt ja der Laie, das Segelboote gegen den Wind überhaupt nicht, mit dem Wind aber recht ordentlich vorankommen.  Weit gefehlt. Der Kurs direkt vor dem Wind ist der blödeste, schaukelligste, auch der gefährlichste. Eine falsche Bewegung des Rudergängers und das Großsegel  fängt die unter Hochdruck stehende Luft von der falschen Seite ein, es schlägt dann mit ungeheurer Macht und Geschwindigkeit von Lee nach Luv und der metallene Grossbaum zertrümmert alles, was ihm bei dieser Patenthalse im Wege ist. Bei sowas sind schon Masten gebrochen, Seeleute reihenweise über Bord gegangen und Köpfe, nicht rechtzeitig geduckt,  geplatzt mindestens aber zerbeult.

Wie eingangs aber bereits festgestellt, bleibt ja kein Wind so, wie er war, also wird auch dieser unser heutiger seine Richtung und Stärke  ändern. Wenn wir einen Wunsch frei hätten, wird er ein wenig rechts drehen, dabei vielleicht etwas, aber wirklich nur etwas abnehmen und wärmer werden, ruhig etwas mehr. Eggert gelingt es Nachmittag, aus dem Zaubergerät mit dem Satelittendingsda einen Wetterbericht aus dem Äther zu fischen. Und –  oh Wunder – der Wind soll danach ein wenig rechts drehen und ein ganz klein wenig abnehmen und es soll ordentlich wärmer werden.

Leider feilt das Wetter auf seine Vorhersage. Der Wind brist kräftig bis zur Sturmstärke auf, er dreht zurück und er wird kälter. Gegen zehn Uhr müssen alle Mann an Deck und alle Segel Bergen. Vor Topp und Takel rutschen wir noch mit fünfeinhalb Knoten die Wellenberge hinunter.

Aber auch dieser Sturm bläst sich aus. Bei Sonnenaufgang entfalten sich unsere Segel wieder. Wir machen wieder gute Fahrt. Bis zu den Bermudas sind es noch drei Tage … Wenn der Wind so bleibt….

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