Der dritte Frühling

James fragt: „Hat die LUV Eisklasse?“ Keine so ganz abwegige Sorge, die ihn bewegt. Ohne Faserpelz, Handschuhe und Mütze traut sich niemand mehr nach draußen. Von unserem Ankerplatz im Yankee Cowe können wir mit dem Fernglas an Land frische Schneeplacken auf den Felsen und den umgestürzten Baumstämmen erkennen. Viel fehlt nicht mehr, und wir fühlen uns wie Polarforscher.

Als Eggert nach einem Reparaturausflug in den Mast wieder an Deck steht, ist er ziemlich steifgefroren. Von ganz oben, berichtet er, sei die Sicht auch nicht besser aber der kalte Wind noch stärker als hier unten. Die enge Ausfahrt aus unserer geschützten Bucht können wir nur erahnen. Aber was wir wissen: Davor tobt der Nordatlantik mit steilen, brechenden Wellen. Wollen wir das? Wollen wir nicht! Die LUV-Crew beschließt,  erst einmal bessere Bedingungen abzuwarten.

Der arktische Frühling dieses Jahres hat sich im kalten Labradorstrom ordentlich verspätet. Anfangs hatte sich Rosi noch gefreut, als sie zu Beginn unserer Kanadareise im Gold River nach der Blüte im Alten Land einen zweiten Frühling erleben durfte. Das Grün der Bäume durchbrach eben die Knospen, als wir die LUV Mitte Mai seeklar machten. Hier, an der äußersten nordöstlichen  Spitze von Nova Scotia und ein gutes Stück näher am Nordpol, ist die Natur noch einmal ein gutes Stück weiter zurück und wir sehen zum Dritten mal in diesem Jahr, wie sich die Tulpen aus der Frosterde bohren.

Gegen Mittag wirbt Eggert:“Lasst uns losfahren.“ Der Nebel hat sich ein wenig gelichtet. Wir können eine gute Kabellänge (ca 200 Meter) sehen. Die Sonne ist bereits  eine fahle Scheibe im noch grauen Luftmeer. Eggert lockt: „Es sind ja nur sieben Meilen.“

Tatsächlich, draußen ist es nicht halb so gräsig wie befürchtet. Wir sehen zwar rein gar nicht von der „landschaftlich schönen Küste“, die uns das Seehandbuch verspricht, aber nach 14 Meilen – typisch Eggert! – sind wir in einer durch Schären geschützten Inselwelt.

Aber erneut spielt das Wetter verrückt. Plötzlich scheint die Sonne, der Horizont ist voller Landschaft und das Windmessgerät zeigt 52 ,7 Knoten an. Das ist volle Orkanstärke. Ohne Vorwarnung, aus dem Nichts. Vor Topp und Takel macht die LUV ohne Segel und Motor 4,6 Knoten Fahrt. Mit Mühe machen wir fest in dem Fischerhafen von Canso. Dutzende Boote landen an der Holzbrücke ihren Fang an. Im Ort kann man gleichwohl nicht den kleinsten Hummer kaufen, kein Restaurant bietet die Krustentiere an. Die LUV-Crew hatte sich deutlich mehr versprochen. Nur Rosi, die ein Herz für Lobster hat, ist es zufrieden.

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