Nicht der Rede wert


JACKSON UND ROSI
Der Mann im Kajak sieht aus wie ein Trapper. Wettergebräuntes Gesicht, schlotterige Lederjacke, speckiger Lederhut, verziert mit braunen Federn. Seine Begleitung, eine hübsche Indianerin, steht auf einem kippeligen Paddelbrett. Die beiden heißen uns „Willkommen in der  Austernbucht, “ und ob uns irgendetwas fehle, ob wir denn wirklich mit allem versorgt seien. Man wolle und werde gern helfen.
Am Abend zuvor hatten wir unseren Anker in den Grund der Oysterbay geworfen und durchs Fernglas den Trapper dabei beobachtet, wie er seine Ziegen fütterte. Wie sich herausstellt, hatte er uns auch wahrgenommen. In einem Umschlag reicht er vom Kajak ein Foto von der Luv herüber, wie sie malerisch in der Bucht vor Anker liegt.
Diese Begegnung ist so typisch für so viele Begegnungen während unserer Reise, die für uns -vorerst- heute in Halifax mit einem Crew-Wechsel endet. Ob er uns denn in die Stadt fahren dürfe, bietet der Kommodore des Armdale-Segelclubs an, er stehe er für jede denkbare Hilfestellung bereit. So war es immer und überall. Wo immer wir die LUV angebunden haben, wir erfahren eine herzliche, voraussetzungslose Hilfsbereitschaft. Über den alten Lobster-Fischer,  der uns ausgiebig seine Heimatstadt auf Prince Edward Island zeigt, habe ich  bereits berichtet. Andere Kanadier waren nicht weniger freundlich zu den deutschen Segler. Mal bietet man uns den eigenen Wagen für einen Ausflug an, mal werden wir zum Einkauf begleitet und dabei beraten. Mal bekommen wir zu einem wirklichen Spottpreis ein Dutzend gekochte Hummer. Als wir von Souris nach Cape Breton Island segeln, unterbricht ein Fischer auf hoher See seine Arbeit und fährt mit voller Kraft hinter uns her.  Über Wind und Wellen hinweg warnt er die fremden Segler vor einem heranziehenden Unwetter. Wir rufen zurück, wir hätten bereits einen Wetterbericht erhalten und die LUV könne ordentlich was ab. Dennoch: “ Herzlichen Dank.“  – „Nicht der Rede wert.“, schreit der Fischer und dreht ab.
An unserem Ankerplatz im  Salmon-River unterbricht ein ortsansässiger Handwerker seinen späten Feierabend und fährt James zu einem Meilen entfernten Laden, damit wir anderntags Milch und Eier zum Frühstück haben. Und James und Peter Zigaretten.
Brot, wunderbare Baguettes zum Aufbacken, schenkt uns die Inhaberin und Köchin des Salmon-River-Inn, einer in ziemlicher Abgeschiedenheit ums Überleben kämpfenden kulinarischen Überraschung mit deutscher Küche. Margit Wechslers Spezialität sind unter anderem Currywurst oder Sauerbraten. Vor 23 Jahren wanderte die Mutter von vier Kinder aus Bayern nach Kanada aus, adoptierte dort noch mal drei weitere, eins davon blind, und kümmert sich resolut um drei zusätzliche Pflegekinder. Sie sagt: „Nicht der Rede wert.“
Wir verholen die LUV in Halifax vom Armdale Yacht Club an einen neuen Liegeplatz mitten in der Stadt. Es sind nur ein paar Seemeilen, vorbei an beeindruckenden Anwesen und luxuriösen Wasservillen mit großen Yachten direkt am ufernahen Grillplatz. Die Blankeneser würden neidisch werden. Ein Junge überholt uns mit sehr hohem Tempo in seinem Zodiac. Zwei Minuten später strampelt er im eiskalten Wasser, sein Boot rast mit jaulendem Motor in immer engeren Kreisen um den Schiffbrüchigen, der verzweifelt versucht, die Beine vor der rasenden Schraube in Sicherheit zu bringen. „Help!“, ruft er, „Help!“ Er hatte offensichtlich die erste Regel beim Schlauchbootfahren verletzt und die rote Reissleine nicht am Handgelenk befestigt, die den Aussenborder sofort stoppt, wenn der Bootsführer über Bord gehen sollte.
Wir sind die einzigen, die von dem  Zwischenfall Notiz genommen haben. Die LUV ändert den Kurs. Eggert steuert unseren großen Segler zwischen den wildgewordenen kleinen Zodiac und den verängstigten Schwimmer in Not. Das Boot kollidiert zweimal mit uns, ändert dann seinen Kurs und saust in Richtung Ufer. Übers Heck können James und Peter dann Jackson, elf Jahre, an Bord hieven. Rosi sorgt sich sofort um den schnatternden und zitternden Jungen. Ich klettere in unser Beiboot und berge rudernd den Zodiac, den mittlerweile ein Mann am Ufer eingefangen hat.
Jackson braucht ein paar Minuten und eine Tasse heiße Schokolade, bis er uns die Telefonnummer seiner Eltern nennen kann. Wir fahren zwei Meilen zurück und liefern ihn ab. Die Mutter will sich ein übers andere mal bedanken. „Nicht der Rede wert.“, sagt Eggert.
ROSI UND JACKSON2
Luv2
Luv
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