Überall ist Maryland

Die amerikanischen Behörden verlangen von durchreisenden Segelbooten, dass sich der Skipper und seine Crew allabendlich telefonisch bei der Customs and Borderprotektion meldet, jedenfalls dann, wenn das Schiff seine Position verändert hat. Die Amis wollen halt wissen, wer sich bei ihnen wo herumtreibt. Wir sind ja willig.
Ich habe diese Kommunikationsaufgabe an Michael delegiert. Er ist nicht so allergisch gegen überflüssige Bürokratie wie ich, spricht feinstes Oxford-Englisch und es gelingt es ihm wie keinem, mit wahrer Engelsgeduld die Gesprächspartner so lange um verständliche Aussprache zu bitten, bis diese entnervt aufgeben und uns für diesen Abend in Ruhe lassen.
 
Hier die Übersetzung eines typisches Telefongespräches zwischen einem Menschen der Zoll- und Grenzschützbehörde und der LUV:
 
„Hier ist Michael von der deutschen Segelyacht LUV. Wir wollen uns bei Ihnen melden.“
„Whuaereairju?“
„Das habe ich nicht verstanden. Bitte wiederholen Sie“
„Whuaereairju?“
„Hier ist Michael von der deutschen Segelyacht LUV.“
„Wo – sind – Sie?“
„Im Potomac.“
„Whieuriesdat?“
„Das habe ich nicht verstanden. Bitte wiederholen Sie.“
„Whieuriesdat?“
„Hier ist Michael von der deutschen Segelyacht LUV. Bitte noch einmal.“
„Wo – ist  – das, Potomac?“
„Das ist der Fluß, der von der Chesapeake Bucht nach Washington führt.“
„In – welchem – Bundesstaat  – ist – das?“
„Sie sind doch von hier. Woher soll ich das wissen?“
„In – welchem – Hafen – sind – Sie?“
„Wir liegen vor Anker in der Loan River Bucht.“
„Whieuriesdat?“
„Das habe ich nicht verstanden. Bitte wiederholen Sie.“
„Wo – ist – das?“
„Das – ist – eine – Bucht – im – Potomac. Das – ist  ein – Fluss….“
„Ok. Keine Stadt?“
„Nein.“
“ Dann – brauchen – Sie – sich – auch – nicht – zu – melden. Erst – in – der – nächsten – Stadt.“
Na dann.
In der nächsten Stadt sind wir am Freitagabend. Die Grenzschützer sind nur noch per Anrufbeantworter erreichbar. Wir diktieren Namen und Standort und die Nummer unserer Reise-Erlaubnis aufs Band und bitten um Rückruf. Die Stimme vom Band bedroht uns nämlich, wir müssten zehntausend Dollar bezahlen, wenn wir der Meldepflicht nicht nachkommen. Wie aber belegen wir unsere Gesetzestreue? Auch am Sonnabend macht der US-Grenzschutz frei, am Sonntag sowieso.
Am Montag der Rückruf:

„Weiditjunotcompleiwisthelo?“

„Hier ist Michael von der deutschen Segelyacht LUV. Ich habe Sie nicht verstanden.“
„Warum – haben – Sie – sich – nicht – gemeldet? „
„Warum haben  Sie Ihren Anrufbeantworter nicht abgehört?“
„Oh – Sie – haben -darauf -gesprochen.?“
„Dreimal.“
„Whuaereairjuexakkt?“
„Bitte wiederholen Sie.“
„Wo – sind – Sie – jetzt – gerade – genau?“
„Ich laufe gerade zum Supermarkt.“
„Ach – Sie – gehen? Sie sind nicht im Auto?“
„Ich habe kein Auto, ich gehe zu Fuß. Und sonst segel ich.
„Wirklich?“
„Wirklich.“
Nach einigem Hin und Her einigt Michael sich mit dem Beamten darauf, dass wir jetzt erstmal eine Zeitlang in den Gewässern von Maryland bleiben. Solange die LUV die Grenzen  dieses Bundesstaates nicht verlässt, müssen wir uns nicht erneut melden.
 
Für die LUV  ist erst einmal überall Maryland.

Bunte Tücher mit tiefer Bedeutung

 

Flaggen und Wimpel, Stander und andere bunte Tücher haben seit jeher ihren festen Platz auf Schiffen. Die Luv führt zum Beispiel neben der schwarzrotgoldenen Nationalflagge auch noch den Vereinsstander der Seglervereinigung Altona Ovelgönne sowie – im Ausland – Steuerbord unter der Saling die Flagge des jeweiligen Gastlandes. Jetzt also flattert dort die amerikanische : Stars and Stripes. Wir könnten noch ein übriges tun und darunter die bunte viergeteilte Flagge von Maryland setzen, weil wir im Hafen von Annapolis angelegt haben, der Hauptstadt dieses US-Bundesstaates. Wir wollen es aber nicht übertreiben. Die Annapolitaner haben ihre Stadt, die übrigens nicht größer ist als Buxtehude, ohnehin über und über mit ihren Nationaltüchern dekoriert. Nicht nur, dass in diesem Mekka des US-Wassersports auf jedem der hier beheimateten tausendvierhundert Boote ein Banner weht. Auch vor jedem Haus, an jedem Laternenpfahl hängt eine Fahne, an manchen zwei, nämlich noch die von Maryland. In den Boutiquen der Hauptstrasse werden Hundeportraits feilgeboten. Die Schoßtiere apportieren Stöckchen mit Stars and Strips. Gürtel, T-Shirts, Unterhosen alles ist patriotisch weissblaurot gefärbt. Wir fragen Passanten, was denn gefeiert wird, wenn sie ihre Stadt so über alle Toppen flaggen. Das ist ein ganz normaler Tag, ist die Antwort.  

Im Capital Yacht Club, dem feinen Washingtoner Hauptstadtverein, war die LUV-Crew eingeladen, an einer Mitgliedersitzung teilzunehmen. Wir hatten uns kaum in die mit grünem Leder bezogenen Mahagonisessel gesetzt, mussten wir auch schon wieder aufstehen. Der Commodore des Clubs zog eine mannshohe Fahne hinter dem Vorhang hervor, alle machten Front zum Tuch an der Stange, legten die rechte Hand aufs Herz und versprachen einander, immer gute Amerikaner zu sein. Oder so ähnlich. Nach diesem Fahneneid überreichte mir der Kommodore einen Vereinsstander  und ich revanchierte mich mit unserem schwarz-gelben SVAOe-Wimpel. Er hängt jetzt mit einigen hundert anderen aus aller Welt über der Bar des Capital Yacht Clubs. Eine Vitrine enthält ein Zertifikat welches amtlich belegt, dass die Vereinsflagge tatsächlich einmal auf dem Washingtoner Capitol geweht hat. Wahrscheinlich wehte sie dort nur kurz, wenn man annimmt, dass auch die anderen nationalstolzen Wassersportclubs der USA eine so prominent geweihte Fahne ihr Eigen nennen wollen. Das wären einige tausend Flaggen, die über dem Symbol der demokratischten aller Nationen gesetzt und wieder eingeholt werden müssen.
Das Zertifikat in der Vitrine erinnert mich an das zutiefst vaterländische Gedicht von Karl Rode, der zu deutschen Kaiserzeiten der damaligen Flagge ein unsterbliches Denkmal gesetzt hat:
„Was steigt denn da für’n schwarzer Qualm am Horizont empor? Das ist des Kaisers Yacht, die stolze Meteor. Der Kaiser steht am Steuerrad, Prinz Heinrich lehnt am Schlot, und hinten schwingt Prinz Adalbert die Fahne Schwarzweißrot. Und achtern, tief in der Kombüse, brät Speck Viktoria Luise. So steh’n wir um des Thrones Stufen und halten ihn in Treue fest und sind bereit, Hurra zu rufen, wo es sich irgend machen lässt.“

Deutsche Vereinstextilien, auch solche aus der Kaiserzeit, sind in der Washingtoner Wimpelsammlung Mangelware. Wir erfahren, dass höchstens alle Jahre mal ein deutscher Segler es den Potomac hinauf bis zum Kapitol und zum Weissen Haus schafft. Entsprechend war der Empfang. Der Sieg der LUV beim Wettsegeln über den Atlantik, der ARC-Ralleye, hatte sich bis ins Machtzentrum der Welt herumgesprochen.  Lob und Hudel und Respekt von jeder Seite. Und wirklich grenzenlose Hilfsbereitschaft und herzliche Freundlichkeit von jedermann im Capital Yacht Club. In der Clubzeitung lesen wir den Monatsbericht des Vice-Commodores Dan Waldrop. Er  erinnert die Mitglieder daran, dass die Liegegelder von Gastschiffen immerhin zehn Prozent des Vereinsbudgets ausmachen. Und deshalb: „Unsere durchreisenden Gäste willkommen zu heißen ist erste Pflicht für jedermann!!“ Nun ja, warum soll man das Angenehme nicht mit dem Nützlichen verbinden?
In Annapolis schliessen wir uns einer Stadtführung an. Der in Gewändern aus der Kolonialzeit gekleidete  Squire Richard macht aus der Tour durch das bemerkenswert gut erhaltene historische Viertel eine witzige und selbstironische Veranstaltung. Zur amerikanischen Flagge und der dazugehörigen Hymne „Star-Spangeld Banner“ weiss er zu erzählen, dass sie erstens von einem Menschen aus Maryland gedichtet wurde und man besser zweitens nur die erste Strophe dieses patriotischen Liedes singen sollte, die beiden restlichen würden politisch nicht mehr korrekt sein, weil sie doch recht blutig sind und als Loblied auf die Sklaverei misszuverstehen seien. Und drittens würde er sowieso nicht verstehen, warum seine amerikanischen Landsleute jedesmal ihre Flagge lauthals besingen müssten, wenn irgendwer, etwa beim Baseball oder beim Football oder bei Socker, einen Ball in die Luft wirft. Ich erzähle unserem Führer, dass wir in Deutschland auch Probleme mit diversen Strophen unserer Nationalhymne hätten, nur irgendwie umgekehrt. Squire Richard ist definitiv der Meinung, das Amerika und _Deutschland sehr viel gemeinsam haben.

Wenn wir an Bord morgens unseren Flaggenstock in die Halterung am Heck stecken, hat das auch für uns eine über den schnöden Akt hinausgehende tiefere Bedeutung. Bei unseren Schiffspapieren findet sich das Schiffszertifikat der Bundesrepublik Deutschland. Darin wird dem Seeschiff LUV vom Registergericht Hamburg „bezeugt“ , dass es „nach § 1 des Flaggenrechtsgesetzes das Recht hat, die Bundesflagge der Bundesrepublik Deutschland zu führen und dass ihm alle Rechte, Eigenschaften und Privilegien eines deutschen Schiffes zustehen.“

Ob ich als Kapitän der LUV das Recht oder das Privileg habe, etwa Ehen zu schließen? Ich habe mal etwas gelesen von gültigen Hochzeiten auf Hoher See. Aber zur Zeit ist ohnehin kein Liebespaar unverheiratet an Bord. Sigrid meint in diesem Zusammenhang, es wäre mal höchste Zeit, die Nationalflagge der LUV zu waschen.

Willkommen im magischen Paradies auf Union Island

Bericht 32
Logbuch der Luv
Vor Anker im Atoll von  Union Island
Wetter : Südost vier , 28 Grad, trocken
 
57 Menschen aus Afrika  starben innerhalb von nur zehn Monaten auf Union Islands Zuckerrohrplantagen an den Folgen schlimmer Behandlung durch ihre Sklaventreiber.  Das war im Jahre 1777. Mitten im zentralen Dorf der kleinen Grenadineninsel in der Karibik erinnert eine Steele an ihr
schreckliches Schicksal. Die Sklaverei ist längst Geschichte,  Erinnerung nur die harte Arbeit; Zuckerrohr wird längst nicht mehr angebaut, gar nichts mehr wird auf Union Island in nennenswerten Mengen angebaut. Gefühlte Arbeitslosigkeit: Über 50 Prozent. Tourismus ist der Monopolwirtschaftszweig, Haupteinnahmequelle sind Leute wie wir, Yachties aus Europa und Amerika, angelockt von immerwährenden  Warmbadetagen  über buntbelebten Korallenriffs bei stetig freundlicher Passatbrise. „Willkommen an diesem magischen Platz.  Und vergiss, dass die Welt existiert“ , grüßt ein Schild am Ortseingang.
 
Ich komme gerade vom Zoll und fühle mich von dem Spruch mächtig auf den Arm genommen. Wie wollen mit unserer Luv morgen früh zurück nach St. Lucia und Schiff und Mannschaft müssen ausklariert werden; wie immer eine lästige Pflicht für den Skipper. Beim Einklarieren in Chateaubelair hatten wir uns zu viel Zeit gelassen und dafür ein Bußgeld zahlen müssen. Heute bin ich Minuten nach derAnkunft beim Zoll und bei der Immigration – und jetzt ist der Strafbetrag mehr als doppelt so hoch. Es sei Sonntag, sagt der Beamte, und Sonntags kostet die Abmeldung mehr:
„Overtime!“ Überstunden.
 
Und wenn ich ihn heute nun nicht in seiner Ruhe gestört hätte und ich wäre erst morgen Früh erschienen? Nein, das geht schon gar nicht, das kostet natürlich „Overtime“, Verspätungszuschlag. Ich wäre geneigt, die Zumutung zu schlucken, die erschwingliche Summe abzubuchen unter privater Entwicklungshilfe für eine wirklich bettelarme Bananenrepublik. Wenn diese Beamten nicht so ausdrücklich, so ganz und gar vorsätzlich, so handgreiflich unhöflich wären.
Aber der Reihe nach: Zwei Zöllner sitzen ganz weit hinten in einem sonst sehr leerem, sehr großen Raum, blicken auf einen kleinen Bildschirm  eines Tablet-PC. Ich sage freundlich: „Good day to you, gentlemen!“  Die beiden zeigen keine Reaktion. Ich sage freundlich und jetzt laut: „Good day to you, gentlemen!“ Der uniformierte der beiden Männer greift mit der Hand in eine Kiste und schiebt ein Formular herüber. „Ausfüllen.“, sagt er, der Blick bleibt auf dem Bildschirm. Ich höre jetzt auch den Ton eines Actionfilmes.
 
Es ist das gleiche unsägliche Formular, das ich schon beim letzten mal ausgefüllt habe, dieselben Namen und Daten und Passnummern aller Crewmitglieder, Länge, Breite und Tiefe der Luv, woher und wohin  – alles Daten, die der souveräne Staat St. Vincent schon längst mit vierfach
durchgedrücktem Kohlepapier in seinen Akten nachschlagen und mit der NSA austauschen könnte. Ich zeige das Einreisepapier mit wenig Hoffnung: „
Einfach kopieren?“ Geht natürlich nicht, ein Kopierer ist nicht vorhanden, nur der Tablett-PC, der Ton des Baller-Films ist jetzt ziemlich
laut gedreht. Der Vorgesetzte der beiden sitzt in einem klimatisierten Büro, er ist der mit der „Overtime“. 63,45 EC-Dollar will er haben, ich gebe ihm zwei Fünfziger. „No Change.“, sagt er, er kann nicht wechseln. Er bittet mich nicht etwa, er schickt mich nach schräg gegenüber zur Immigration, zum Einreisebeamten: “ Get Change.“. Der Mann dort hat tatsächlich Kleingeld, aber nicht klein genug. Der Rest von 1,55 EC-Dollar wird einbehalten.
Auf dem Rückweg sehe ich wieder das Schild. “ Vergiss, dass die Welt existiert.“ Das fällt nicht ganz leicht an diesem magischen Platz.
 
Heiko Tornow
 

Ein großer Sieg – Sehr unwichtig für den Rest der Welt

Image

Logbuch der Luv Nr. 31
Hafen von Rodney Bay, Saint Lucia
Wetter: Regenschauer. Wind: Nordost 3 bis 4 bft

Nach 11 Tagen, 6 Stunden, 58 Minuten und 41 Sekunden ist es vorbei. Die Luv gleitet hoch am Wind in die Bucht von Rodney  Bay und mit guter Fahrt über die Ziellinie. Wir fallen uns in die Arme, klopfen, uns auf die Schultern, die halbe Crew springt ins warme Karibikwasser. Wir freuen uns mindestens so lauthals wie BVB-Klopp nach einem Sieg über Schalke. Aber die Nation nimmt keine Notiz davon, dass da eine Yacht, die unter deutscher Flagge fährt, soeben eine  internationale transatlantische Wettfahrt gewonnen hat: die „Atlantic Rallye for Cruiser“, 800 Meilen von Las Palmas zu den Cap Verdischen Inseln und von dort nach St. Lucia, noch einmal 2080 Meilen.

Die Luv gewinnt beide Etappen! Beides mal ein Start-Ziel-Sieg, beides mal First-Ship-home!  “ Well done!“, gut gemacht. Das ist das höchste Lob, das wir von unseren Gegnern ernten können.

Offen und freundlich gegeben, sammeln wir eine reiche Ernte ein.

Sehr befriedigend für die Beteiligten, sehr unwichtig für den Rest der Welt. Hochseesegeln ist eine Randsportart, wie das schottische Baumstammweitwerfen etwa oder Telefonbuch-Zerreissen, nur deutlich teurer, mehr oder weniger Privatsache eben.  Man kann ja leider den Seglern nicht bei ihrem Tagewerk zuschauen. Und könnte man es, es wäre rasch langweilig.

Einer steht am Ruder, zwei ziehen  mal an dieser, mal an jener Leine. Einer kocht, zwei schlafen, alles wackelt.  Stundenlang, tagelang.

Allenfalls der Start mit vielen grossen Yachten ist fernsehgeeignet. Nur der Zieldurchgang ist noch ein Foto wert. In unserem Fall ein besonders schönes. Die Luv mit dicht gezogenem Spinnacker und hoch am Wind, in der Kante liegend, das Wasser schäumt. Till steht im Bugkorb und schaut zum Ziel. Hat was. Das wird bleiben. Ist aber teuer. 300 Dollar will der Yachtfotograf dafür haben.

Was bleibt noch von unserer Reise über die hohe See? Die gute Erfahrung, dass es sieben Individualisten gelingen kann, sich zurückzunehmen, tolerant die jeweiligen Macken der anderen zu ertragen, verlässlich in der Routine und zupackend in der Gefahr zu handeln, gemeinsam ein Ziel zu formulieren und entschlossen anzugehen und all das über so lange Zeit auf so engem Raum.

Auch ohne Sieg ist das allein die erstklassige Leistung einer tollen Crew: Eggert, Arne, Michael, Claus, Basti, Till.

Es reicht, dass wir das wissen. Wir pfeifen aufs Publikum.

Heiko Tornow

Image

Bericht 21

Position 16 Grad 27  Minuten N

30 Grad 22 Minuten W

Wetter : Mond im letzten Quadranten, leicht bewölkt. Wind NO 4 bis 5

 

Eggert hält sein Ohr ans Achterstag. Die lange Stahlstange, die den 22 Meter hohen Mast davon abhält, unter Wind- und Segeldruck nach vorn zu kippen, gibt ein jaulendes, quitschendes, unangenemes und vor allem unvorschriftsmässiges Geräusch von sich. Der hohe Ton läßt sich vergleichen mit dem Kratzen eines Fingernagels auf einer Schultafel. Unten im Salon hört man es auch. Es kommt aus dem Mast. Eggert vermutet, irgendeine der zahlreichen Umlenkrollen für die vielen Leinen, die zu den Segeln führen, macht schlapp, hat einen Defekt, läuft nicht mehr wie geschmiert und jetzt protestiert sie gegen die schlechte Behandlung und jammert.

 

Segeln vor dem Nordost-Passat ist Stress für alle Teile des Schiffes. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig…In diesen vier Sekunden rollt die Luv von Backbord nach Steuerbord, und wieder zurück. Nach links um 99 Grad, nach rechts um 98 grad. Nach rechts deshalb nicht so weit, weil dass Großsegel das Schiff  gegen den Wind abstützt. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig….21600 mal am Tag. Alle paar Minuten wirft eine besonders hohe Welle, die sich nicht an die vom Wind vorgegebene Richtung hält und quer zur See läüuft, die Luv um einige Grad tiefer auf die Backe. Nach links um 99 Grad, nach rechts um 98 Grad. Neben dieser lateralen Bewegung gibt`s noch die horizentale. Immer mal wieder hebt eine Woge mit lärmendem Rauschen das Heck um bis zu drei Meter in den Himmel, läuft gurgelnd unter dem Rumpf nach vorn und hinterlässt ein ebenso tiefes Tal, in das die Luv- Bug voran-  hinunterglitscht. 

„De arme Lüd an Land.“, sagt der Seemann und bedauert damit die Landratten, denen eine solch wackelige Welt naturgemäß frend bleiben muss. 

Heiko Tornow 

Mit Columbus über den Teich, aber auf anderem Kurs

Bericht 22

Position 15 Grad 59 Minuten N

33 Grad 25 Minuten W

Wetter : leicht bewölkt. Wind ONO 4 bis 5, Böen bis 7, Seegang 2 bis 3 Meter

Plötzlich sind sie da. Über hunderte von Meilen ist niemand von der ARC-Flotte in Sicht. Ein absolut blanker Horizont. Man hätte sich vorstellen können, die Luv liege vor allen anderen im Rennen über dem Atlantik und heimlich hatte dies der eine oder andere bei uns an Bord wohl auch gehofft. Aber da segeln sie. Die belgische Aronax, steuerbord achteraus, Abstand drei Seemeilen und die dänische Mathilde an Backbord, fünf Meilen voraus. Alle drei X-Yachten, die drei Preisträger der ersten Etappe, wieder dicht beieinander.

Nach dem turbulenten Start vor drei Tagen hatte sich die Spreu vom Weizen schnell getrennt. Vorne weg die doppelrümpfigen Katamarane, sie segeln in einer eigenen Klasse und zählen unter richtigen Traditionsseglern mit kleinen Vorurteilen eher als schwimmende Wohnzimmer mit Mast denn als richtiges Segelschiff mit Kiel. Dann folgen die großen Einrumpfboote der Klasse A, deutlich vor den kürzeren und leichteren Kreuzern. Einmal freigesegelt von den stürmischen Küste der Cap Verden steuert jedes Schiff seinen eigenen Kurs, jeder Navigator hat seine eigene Taktik, jeder Skipper seine private Strategie. Mit Einbruch der Nacht hat sich die Flotte auf dem großen Ozean weit verteilt. Jeder Steuermann hat das gleiche Ziel vor Augen, jeder schaut anderswo hin. Steckt Logik in all der Wirrnis?

Man sollte meinen, der Kurs sei für alle gleich. Das Ziel der Wettfahrt, St. Lucia, liegt genau im Westen, 270 Grad, keine Minute nördlich oder südlich. 270 Grad! Was soll da der jeweils andere Kurs? Christoph Columbus, der 1492 auf genau der gleichen Strecke wie wir gegenwärtig in Richtung Westen segelte, hatte es einfach. Seine Santa Maria besaß quadratische Segel, an einer Rah gebunden, die 90 Grad zur Kiellinie stand. Der östliche Wind blies vierkant dagegen, die Karavelle wurde nach Westen geschoben. Statt eines Segels hätte er genauso gut ein Brett an den Mast nageln können. Columbus, einmal aufgebrochen, konnte gar nicht anders, als Amerika zu entdecken. „Vor dem Wind“, heißt es, „läuft ein Bund Stroh.“ Aber es läuft verdammt langsam. Columbus hatte Zeit. 36 Tage benötigte er für seine historische Reise. Wir wollen es in zehn Tagen schaffen. Da müssen wir die physikalische Erkenntnis nutzen, dass ein vom Wind angeströmtes Segel ungleich mehr Vortriebskraft entwickelt, als ein nur platt angepustetes. Die unterschiedlichen Segelschnitte, die Vielfalt der Rumpfformen, die Höhe der Masten, das Gewicht der Schiffe und natürlich Können und Erfahrung der jeweiligen Crews führen nun mal bei 47 Schiffen zu 46 Kursen.

Columbus dagegen ahnte nichts von Strömungsphysik, das Kreuzen gegen den Wind galt damals noch als Teufelszeug und Hexerei. Columbus hatte auch keinen Wetterbericht und das mag sogar ein Erkenntnistheoretischer Vorteil gewesen sein. Wir haben einen mit viel Mühe mit Hilfe der nur mangelhaft funktionierenden Satellitenempfangsanlage aus dem Äther gefischt. Danach soll es in zwei Tagen im Süden mehr Wind aus einer besseren Richtung geben. Die Luv-Crew unterstellt wider alle schlechten Erfahrungen mit Wetterpropheten: Diesmal haben sie Recht. Wir segeln nach Südwest. Mathilde und Aronax waren zuletzt im Nordosten zu sehen.

Heiko Tornow

Erfolgreiche Wettfahrt- gescheiterte Landnahme für Angela

Bericht 19

Im Hafen von Mindelo, Cap Verde

Wetter: Passatwind 4 bis 5. Leicht bewölkt.

Die Luv liegt seit Tagen in der fünftschönsten Bucht der Welt.  Diese Mitteilung stammt vom Hafenkapitän von Mindelo. Beim Empfang für die etwa 200 Segler der ARC+-Rallye von Las Palmas zu den Cap Verden preist er in Vertretung des Bürgermeisters die Vorzüge seiner Heimat und freut sich riesig , dass zum ersten mal eine so bedeutende internationale Hochseeregatta sein Mindelo zum Ziel gewählt hat.

Die Freude ist ganz auf unserer Seite. Wir erleben genau das bunte, laute, fröhliche, freundliche und fremde Afrika, dass wir erhofft hatten, als wir unser Schiff für eben diese erste Etappe der Transatlantik-Wettfahrt anmeldeten. Zumal wir auch noch gewonnen haben. Ein sauberer Start-Ziel-Sieg. Die von der Regattaleitung veröffentlichte Ergebnisliste verrät unsere erfolgreiche Taktik: Nicht der gerade Weg von den Kanarischen Inseln ins Archipel der Cap Verdes war der schnellste, vielmehr die Zickzack-Kreuz vor dem immerwährend aus Nordost blasenden Passat. Wir hielten so die Luv dauernd auf höchstem Speed, segelten zwar mit 913 Seemeilen 19 mehr als  die zweitplatzierte britische Shamrock, waren aber am Ende nach vier Tagen und 13 Stunden deutlich als erste Yacht über der Ziellinie. Auch die Zeitkorrekturen, die zwischen niemals baugleichen oder gleichgrossen Schiffen für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen, halfen der Konkurrenz nicht.  die Luv ist und bleibt First ship home und First ship auch nach berechneter Zeit. Besser geht nicht. ( Hab ich nach dem gelungenen Start in Las Palmas zwar schon mal geschrieben, aber das musste jetzt mal sein).

Die Insel São Vicente wartet seit mehr als 300 Tagen auf Regen. Der Passat bläst zwar täglich Wolken in die kleine Inselwelt der Cap Verde, an den  niedrigen Vulkangipfeln von Såo Vicente aber wehen sie vorüber. Die Regenzeit im September und Oktober ist komplett ausgeblieben.  Beim Ausflug zu den Kratern und Traumstränden der Insel fahren wir durch eine ausgedörrte Landschaft, in der selbst die Kakteen verdursten. Die Menschen versuchen auf kleinsten Grundstücken so etwas wie Landwirtschaft aufrecht zu erhalten. Auf dem Kopf tragen Frauen schwere Wasserkanister lange Strecken. Wir fragen uns, warum eigentlich immer die Frauen? Das Wasser wird in Mindelo mit Dieselstrom aus Meereswasser gewonnen und ist entsprechend teuer. Es ist streng verpönt, mit Süßwasser die Schiffe zu waschen. Nicht alle Eigner halten sich an diese Regel für Einsichtige.

Die Luv-Crew will baden.  Wir pusten unser Gummiboot auf, klettern alle sechs hinein und schippern -leicht überladen-  umrunden den großen Wellenbrecher vor dem Hafen und nehmen Kurs zu dem Strand, der mit schneeweißem Sand  in der Nordostecke der fünftschönsten Bucht der Welt lockt. Ein wirklich schöner Strand vor bizarrer Bergkulisse. Und so menschenleer und glattgefeht. Wir fühlen uns wie Kolumbus an neu entdeckter Küste und taufen den Strand “ Angelas Bay“.   Da kommt ein Mann auf uns zu und bedeutet uns mit bedauernden Gesten, wir dürften hier nicht schwimmen, niemand dürfe das. Und tatsächlich, von der Landseite ist der Streifen mit einem hohen Bauzaun gegen unbefugtes Betreten gesichert. Wir vermuten, dass der Tourismusminister noch keine Zeit gefunden hat, den Strand einzuweihen und wir wollen ihm den Spaß nicht verderben.  Wir lassen „Angelas Bay“ bedauernd zurück und springen einfach so vom Gummiboot ins warme Wasser.

Heiko Tornow

Artikel 4: Der Hafentag

Logbuch der Luv

La Rochelle , Hafentag

Geschichten über die Fortbewegung mit Segelbooten lassen sehr oft das Wichtigste aus: Die Häfen.

Die meiste Zeit liegen die Yachten schließlich angebunden im sicheren Hafen anstatt ungebunden auf den Wellen zu tanzen. Und ist das Schiff doch mal auf See, dann ist der Hafen immer das Ziel.(An dieser Stelle lassen wir mal die Betrachtung außer acht, wonach für den wahren Segler der See-Weg allein schon das Ziel sei) . Eben haben wir einen Hafen verlassen, von dem uns zuvor leider niemand abgeraten hat. Pornichet ist ein trister, an der Mündung der Loire gelegener Ort. Die Luv hat dort für eine Nacht Rast gemacht, weil die Crew nach 85 Seemeilen Schaukelei keine Lust mehr hatte, noch weitere zwei Stunden in den späten Abend hinein bis zum nächsten kuscheligeren Fischerhafen zu segeln. Der Supermarkt dort – wenn es denn einen gegeben hätte – wäre garantiert schon geschlossen gewesen und unsere Vorräte, nicht nur an Wein und Bier, sind auf null. Pornichet also, eine langgestreckte Bucht, die von einem bis zum anderen Ende mit massentouristisch nutzbaren immer gleich öden Betonklötzen bebaut ist. Ich bin sicher, diese Stein gewordene Einfallslosigkeit ist allein einem einzigen Architekten gelungen. Ein zweiter Baumeister hätte sicher für ein ganz klein wenig Abwechslung gesorgt.

Weil mithin über Pornichet eigentlich nichts weiter zu berichten wäre, will ich die Gelegenheit nutzen, über das zu schreiben, was uns Seglern in Häfen wirklich wichtig ist. Ich meine die Fascilitäten. Oder auch Toiletten und Duschräume genannt. Nichts ist wichtiger, als nach langer Sturmfahrt mit heißem Wasser das Salz aus den verklebten Haaren und vom ausgekühlten Körper zu spülen. Die Qualität und Verfügbarkeit der Hygiene-Gebäude bestimmt daher für Wassersportler den Rang der Häfen in der Qualitätshitliste.

Denken wir, wenn wir uns an den letzten Helgolandaufenthalt erinnern, an die rotfelsige „Lange Anna“ oder den Helgoland-Hummer? Keineswegs. Die Spitzenmeldung auf der offiziellen Website zur größten deutschen Hochseeregatta, der Nordseewoche an Pfingsten 2013, war diese Mitteilung: “ Mehr Toiletten und Duschen im Hafen Helgoland!“

 Kommt man, wie gegenwärtig die Luv auf der Langfahrt über Deutschland hinaus nach Westen, festigt sich in allen EU-Anlegestellen die gleiche Erfahrung: Die Planer und Erbauer von Hafenklos und Hafenduschen sind sämtlich keine Segler. Sonst wüssten sie nämlich, dass die Crews in aller Regel mit Jacke, Hemd und Hose, mit Handtuch und Kulturbeutel zur Körperpflegestelle laufen. Wohin aber mit alldem? Keine Ablageflächen nirgendwo, kaum Haken, um die Utensilien loszuwerden. Dann steht also Hein Seemann halbnackt vor dem Waschbecken, die Klamotten zwischen die Knie geklemmt und putzt sich die Zähne. Unter der Brause bietet sich der Trick mit den Knien eher nicht an. Waschraum im HafenHeute früh, in der Dusche von La Rochelle, wird ein weiterer Mangel offenbar. Sowohl Kleidung als auchKultur können kunstvoll auf einen Knopf geknotet werden. Die Schuhe bleiben am Boden. Ein grober Fehler. Per Knopfdruck schiesst es mit Hochdruck aus der Brause und setzt die winzige Kabine unter Wasser. Die Schuhe auch. Regelbar sind Menge, Druck und Richtung des alles befeuchtenden Strahls nicht. Dafür ist die Temperatur angenehm warm. Das ist nicht immer so. In Pornichet gibt’s zwar auch keine Haken und Ablagen, dafür ist das Wasser ausschließlich knallheiß. Die Franzosen bringen in ihrer Hafen-Douche nicht nur empfindliche deutsche Gäste sondern womöglich auch ihre Hummer um. Nicht wenige Segelboote an der Atlantikküste führen tatsächlich Hummerkörbe als Fanggerät mit an Bord.

Apropos warmes Wasser. Irgendwer sollte den Engländern mal verraten, dass die Einhebelmischbatterie bereits erfunden wurde. Mindestens in allen von uns dort angelaufenen Ports war diese nützliche Neuerung unbekannt. Links warm, rechts kalt, mischen in der hohlen Hand. Wenn irgendwer in Frankreich mit Blick auf Elbphilharmonien, Bahnhöfe und Flughäfen Hohn und Spott über unfähige deutsche Grossprojektplaner ausgießen sollte, darf man ihm entgegenhalten : „Port des Plaisance La Rochelle“. Mit 5000 Liegeplätzen der mit Abstand größte Sportboothafen Europas. Noch nicht ganz fertig. Aber die Duschen sind bereits verschimmelt. Die Lüftung wurde vergessen. Vordeckdusche

Zum Thema Toiletten noch etwas Versöhnliches. Zwischen Pornichet und La Rochelle bleiben wir zwei Tage auf der wirklich traumhaften Insel Isle D’yeu. Auch dort keine Haken und Ablageflächen aber ein Schild an der Tür: „Geschlossen ab 20 Uhr.“ Was machen wenn man nachts mal muss? Das Bordklo, im Hafen sonst tabu, kommt zu Ehren. Beim Pumpen im dustern spühlt es mit einem mal hell grünes Meeresleuchten ins Becken. Kann man feiner pinkeln?

Heiko Tornow