Bunte Tücher mit tiefer Bedeutung

 

Flaggen und Wimpel, Stander und andere bunte Tücher haben seit jeher ihren festen Platz auf Schiffen. Die Luv führt zum Beispiel neben der schwarzrotgoldenen Nationalflagge auch noch den Vereinsstander der Seglervereinigung Altona Ovelgönne sowie – im Ausland – Steuerbord unter der Saling die Flagge des jeweiligen Gastlandes. Jetzt also flattert dort die amerikanische : Stars and Stripes. Wir könnten noch ein übriges tun und darunter die bunte viergeteilte Flagge von Maryland setzen, weil wir im Hafen von Annapolis angelegt haben, der Hauptstadt dieses US-Bundesstaates. Wir wollen es aber nicht übertreiben. Die Annapolitaner haben ihre Stadt, die übrigens nicht größer ist als Buxtehude, ohnehin über und über mit ihren Nationaltüchern dekoriert. Nicht nur, dass in diesem Mekka des US-Wassersports auf jedem der hier beheimateten tausendvierhundert Boote ein Banner weht. Auch vor jedem Haus, an jedem Laternenpfahl hängt eine Fahne, an manchen zwei, nämlich noch die von Maryland. In den Boutiquen der Hauptstrasse werden Hundeportraits feilgeboten. Die Schoßtiere apportieren Stöckchen mit Stars and Strips. Gürtel, T-Shirts, Unterhosen alles ist patriotisch weissblaurot gefärbt. Wir fragen Passanten, was denn gefeiert wird, wenn sie ihre Stadt so über alle Toppen flaggen. Das ist ein ganz normaler Tag, ist die Antwort.  

Im Capital Yacht Club, dem feinen Washingtoner Hauptstadtverein, war die LUV-Crew eingeladen, an einer Mitgliedersitzung teilzunehmen. Wir hatten uns kaum in die mit grünem Leder bezogenen Mahagonisessel gesetzt, mussten wir auch schon wieder aufstehen. Der Commodore des Clubs zog eine mannshohe Fahne hinter dem Vorhang hervor, alle machten Front zum Tuch an der Stange, legten die rechte Hand aufs Herz und versprachen einander, immer gute Amerikaner zu sein. Oder so ähnlich. Nach diesem Fahneneid überreichte mir der Kommodore einen Vereinsstander  und ich revanchierte mich mit unserem schwarz-gelben SVAOe-Wimpel. Er hängt jetzt mit einigen hundert anderen aus aller Welt über der Bar des Capital Yacht Clubs. Eine Vitrine enthält ein Zertifikat welches amtlich belegt, dass die Vereinsflagge tatsächlich einmal auf dem Washingtoner Capitol geweht hat. Wahrscheinlich wehte sie dort nur kurz, wenn man annimmt, dass auch die anderen nationalstolzen Wassersportclubs der USA eine so prominent geweihte Fahne ihr Eigen nennen wollen. Das wären einige tausend Flaggen, die über dem Symbol der demokratischten aller Nationen gesetzt und wieder eingeholt werden müssen.
Das Zertifikat in der Vitrine erinnert mich an das zutiefst vaterländische Gedicht von Karl Rode, der zu deutschen Kaiserzeiten der damaligen Flagge ein unsterbliches Denkmal gesetzt hat:
„Was steigt denn da für’n schwarzer Qualm am Horizont empor? Das ist des Kaisers Yacht, die stolze Meteor. Der Kaiser steht am Steuerrad, Prinz Heinrich lehnt am Schlot, und hinten schwingt Prinz Adalbert die Fahne Schwarzweißrot. Und achtern, tief in der Kombüse, brät Speck Viktoria Luise. So steh’n wir um des Thrones Stufen und halten ihn in Treue fest und sind bereit, Hurra zu rufen, wo es sich irgend machen lässt.“

Deutsche Vereinstextilien, auch solche aus der Kaiserzeit, sind in der Washingtoner Wimpelsammlung Mangelware. Wir erfahren, dass höchstens alle Jahre mal ein deutscher Segler es den Potomac hinauf bis zum Kapitol und zum Weissen Haus schafft. Entsprechend war der Empfang. Der Sieg der LUV beim Wettsegeln über den Atlantik, der ARC-Ralleye, hatte sich bis ins Machtzentrum der Welt herumgesprochen.  Lob und Hudel und Respekt von jeder Seite. Und wirklich grenzenlose Hilfsbereitschaft und herzliche Freundlichkeit von jedermann im Capital Yacht Club. In der Clubzeitung lesen wir den Monatsbericht des Vice-Commodores Dan Waldrop. Er  erinnert die Mitglieder daran, dass die Liegegelder von Gastschiffen immerhin zehn Prozent des Vereinsbudgets ausmachen. Und deshalb: „Unsere durchreisenden Gäste willkommen zu heißen ist erste Pflicht für jedermann!!“ Nun ja, warum soll man das Angenehme nicht mit dem Nützlichen verbinden?
In Annapolis schliessen wir uns einer Stadtführung an. Der in Gewändern aus der Kolonialzeit gekleidete  Squire Richard macht aus der Tour durch das bemerkenswert gut erhaltene historische Viertel eine witzige und selbstironische Veranstaltung. Zur amerikanischen Flagge und der dazugehörigen Hymne „Star-Spangeld Banner“ weiss er zu erzählen, dass sie erstens von einem Menschen aus Maryland gedichtet wurde und man besser zweitens nur die erste Strophe dieses patriotischen Liedes singen sollte, die beiden restlichen würden politisch nicht mehr korrekt sein, weil sie doch recht blutig sind und als Loblied auf die Sklaverei misszuverstehen seien. Und drittens würde er sowieso nicht verstehen, warum seine amerikanischen Landsleute jedesmal ihre Flagge lauthals besingen müssten, wenn irgendwer, etwa beim Baseball oder beim Football oder bei Socker, einen Ball in die Luft wirft. Ich erzähle unserem Führer, dass wir in Deutschland auch Probleme mit diversen Strophen unserer Nationalhymne hätten, nur irgendwie umgekehrt. Squire Richard ist definitiv der Meinung, das Amerika und _Deutschland sehr viel gemeinsam haben.

Wenn wir an Bord morgens unseren Flaggenstock in die Halterung am Heck stecken, hat das auch für uns eine über den schnöden Akt hinausgehende tiefere Bedeutung. Bei unseren Schiffspapieren findet sich das Schiffszertifikat der Bundesrepublik Deutschland. Darin wird dem Seeschiff LUV vom Registergericht Hamburg „bezeugt“ , dass es „nach § 1 des Flaggenrechtsgesetzes das Recht hat, die Bundesflagge der Bundesrepublik Deutschland zu führen und dass ihm alle Rechte, Eigenschaften und Privilegien eines deutschen Schiffes zustehen.“

Ob ich als Kapitän der LUV das Recht oder das Privileg habe, etwa Ehen zu schließen? Ich habe mal etwas gelesen von gültigen Hochzeiten auf Hoher See. Aber zur Zeit ist ohnehin kein Liebespaar unverheiratet an Bord. Sigrid meint in diesem Zusammenhang, es wäre mal höchste Zeit, die Nationalflagge der LUV zu waschen.

In einer Piratenhöhle mit Stempel, Formular und einer Quittung für die Beute

 

Bericht 31

Gewässer um Saint Vincent und Grenadinen

Wetter : Südost vier Bft, abflauend, 28 grad, leichte Schauerböen
 
„Chateaubelair“ heißt die palmen- und  strandbesäumte  Bucht an der Nordwestecke der
Insel Saint Vincent; in dem französischen Namen stecken „Schloss“ und „gute Luft“. Wir werfen den Anker auf zehn Meter Wassertiefe. Es ist stockdunkel, vom nahen Ort schimmern ein paar schwache Laternen, karibiktypische Steelband- Musik dringt herüber, auch der Gestank einer schwelenden Müllhalde, „belair“ eben. 
Nur eine Bucht weiter, drei Meilen südlich, so steht es im Yachtführer „Doyle“, wurde der Piratenfilm „Fluch der Karibik“ mit Jonny Depp gedreht. Die Filmemacher hatten sich auf unseren Ankerplatz wohl nicht getraut. Besagter Führer, eine Art Bibel für Karibiksegler,  verrät nämlich, dass „Chateaubelair“ bis vor kurzem für friedliche Seefahrer wie wir nicht sicher sei, ein echtes Piratennest also.  Ankerlieger mussten mit unangemeldetem nächtlichem Besuch rechnen.
Die Besucher, so lesen wir, seien nunmehr im Knast, man müsse sich nicht mehr sorgen. Unabhängig voneinander schauen gleich drei Crewmitglieder nach dem Datum des Buches. Von wann datiert die Entwarnung im Doyle? Wie lange hat der Filmpirat Käpt’n Jack Sparrow gebraucht, um aus seinem Gefängnis auszubrechen und erneut vor Anker liegende fremde Schiffe zu besuchen und zu berauben?
Wir beschließen einstimmig, abwechselnd je eine Stunde Nachtwache zu gehen. Sicher ist sicher und unser Küchenbeil liegt griffbereit in leicht erreichbarer Schublade. Am frühen Morgen erhalten wir tatsächlich Besuch. Ein junger Mann auf einem gepaddelten Kunststoffbrett bringt uns frische Brötchen. Beim Frühstück öffne ich mit dem Beil einige Kokosnüsse. Die Milch schmeckt herrlich.
 
Die Luv ist unterwegs zu den Grenadinen, einem Archipel von einigen Dutzend Traumzielen mit Kokospalmen, weißen Sandstränden, türkisfarbenem Wasser über bunten Korallenbänken, mit wunderschönen Mädchen, die mit waschbrettbäuchigen Jungmännern in einer Tour Cola-Rum trinken und verzückt nach Raggaemusik tanzen. Da gehören wir natürlich hin –  jedenfalls die jüngeren der Crew, die sich an ihren eigenen Waschbrettbauch noch erinnern können und auf einem Surfbrett eine passable Figur machen.
 
Um in diesem Paradies ankern zu dürfen, benötigt man eine Einreiseerlaubnis des zwar sehr kleinen aber sehr souveränen Karibikstaates Saint Vincent und der Ort  Chateaubelair ist der erste erreichbare Zollplatz mit Einreisebehörde.  Die öffnet  um acht Uhr in der Früh, steht im „Doyle“. Als Skipper der Luv muss ich den lästigen Behördengang erledigen. Mit dem Beiboot geht’s an Land; ein Typ, der ohne sich umzuziehen locker in die Mannschaft der „Black Pearl“ gepasst hätte, bietet mir an, mir den Weg zum Zollamt zu zeigen. Ein Matschpfad entlang der vermüllten Küste, dann weiter nach links zwischen  halbverfallenen Bretterbuden und wilden Kleingärten, einige Stufen über eine sogenannte Treppe, eine verrostete Gittertür zu einem maroden Gebäude. Ich denke wieder mulmig  an den „Fluch der Karibik“ und frage mich ernsthaft, warum ich meinem Führer so leichtsinnig hierhin gefolgt bin und der zeigt im
Hof auf ein kleines handgemaltes Schild: „Custom“, Zoll. Die Beamtin empfängt mich in ihrem karg möblierten Büro,  barfuß, in kurzen Hosen und gelbem T-Shirt. Sehr freundlich bietet sir mir einen Stuhl. Dann erklärt sie mir, dass die Luv sich schon gestern Abend hätte bei ihr melden müssen, jetzt würde eine Strafe für das verspätete Einklarieren fällig, sie wäre 24 Stunden am Tag im Dienst.
Glaube ich sofort!

Ich wähne mich erneut verraten und verkauft und unter die Wegelagerer gefallen. Nie im Leben würde irgendein Yachtie dieses Zollamt im Dustern finden, das ist ja sogar in der Sonne unsichtbar. Ja, sagt die freundliche Zöllnerin mit viel Verständnis, schon viele seien an ihrem Haus vorbeigelaufen, es gäbe leider keinen hilfreichen Hinweis an der Strasse. Ich frage: Welche Straße? Und auch  kein amtliches  Schild, bedauert sie, aber so sei die Vorschrift: 35 East Karibien Dollars Bußgeld. Erst als sie schließlich Stempel herausholt und mir ein sehr großes Formular aushändigt, welches auszufüllen 35 Minuten dauert, beruhigen sich meine Nerven. Eine echte Räuberhöhle mit Stempel und Formular und sogar einer Quittung für die Beute. Das gibt es nicht. Das muss ein Amt sein.

 

Heiko Tornow

 

Ein großer Sieg – Sehr unwichtig für den Rest der Welt

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Logbuch der Luv Nr. 31
Hafen von Rodney Bay, Saint Lucia
Wetter: Regenschauer. Wind: Nordost 3 bis 4 bft

Nach 11 Tagen, 6 Stunden, 58 Minuten und 41 Sekunden ist es vorbei. Die Luv gleitet hoch am Wind in die Bucht von Rodney  Bay und mit guter Fahrt über die Ziellinie. Wir fallen uns in die Arme, klopfen, uns auf die Schultern, die halbe Crew springt ins warme Karibikwasser. Wir freuen uns mindestens so lauthals wie BVB-Klopp nach einem Sieg über Schalke. Aber die Nation nimmt keine Notiz davon, dass da eine Yacht, die unter deutscher Flagge fährt, soeben eine  internationale transatlantische Wettfahrt gewonnen hat: die „Atlantic Rallye for Cruiser“, 800 Meilen von Las Palmas zu den Cap Verdischen Inseln und von dort nach St. Lucia, noch einmal 2080 Meilen.

Die Luv gewinnt beide Etappen! Beides mal ein Start-Ziel-Sieg, beides mal First-Ship-home!  “ Well done!“, gut gemacht. Das ist das höchste Lob, das wir von unseren Gegnern ernten können.

Offen und freundlich gegeben, sammeln wir eine reiche Ernte ein.

Sehr befriedigend für die Beteiligten, sehr unwichtig für den Rest der Welt. Hochseesegeln ist eine Randsportart, wie das schottische Baumstammweitwerfen etwa oder Telefonbuch-Zerreissen, nur deutlich teurer, mehr oder weniger Privatsache eben.  Man kann ja leider den Seglern nicht bei ihrem Tagewerk zuschauen. Und könnte man es, es wäre rasch langweilig.

Einer steht am Ruder, zwei ziehen  mal an dieser, mal an jener Leine. Einer kocht, zwei schlafen, alles wackelt.  Stundenlang, tagelang.

Allenfalls der Start mit vielen grossen Yachten ist fernsehgeeignet. Nur der Zieldurchgang ist noch ein Foto wert. In unserem Fall ein besonders schönes. Die Luv mit dicht gezogenem Spinnacker und hoch am Wind, in der Kante liegend, das Wasser schäumt. Till steht im Bugkorb und schaut zum Ziel. Hat was. Das wird bleiben. Ist aber teuer. 300 Dollar will der Yachtfotograf dafür haben.

Was bleibt noch von unserer Reise über die hohe See? Die gute Erfahrung, dass es sieben Individualisten gelingen kann, sich zurückzunehmen, tolerant die jeweiligen Macken der anderen zu ertragen, verlässlich in der Routine und zupackend in der Gefahr zu handeln, gemeinsam ein Ziel zu formulieren und entschlossen anzugehen und all das über so lange Zeit auf so engem Raum.

Auch ohne Sieg ist das allein die erstklassige Leistung einer tollen Crew: Eggert, Arne, Michael, Claus, Basti, Till.

Es reicht, dass wir das wissen. Wir pfeifen aufs Publikum.

Heiko Tornow

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