Bericht 24

Position 15 Grad 26 Minuten N

39 Grad 19 Minuten W

Wetter : bewölkt gelegentlich leichte Schauer,

Wind O 4, Seegang 2 bis 3 Meter

Temperatur: 28 Grad C.

 

Mit langem Schnurrbart gegen Sonnenbrand

28 Grad im Schatten! Im Schatten? Wo ist der? Eben gab es noch noch ein waschlappengroßes Fleckchen auf der hinteren Ecke der Backbordbank im Cockpit. Die schwarzrotgoldene Bundesflagge wirft diesen Schatten. Claus hat sich hineingesetzt. Eine kleine Kursänderung macht seinen Vorteil zunichte. Claus brät wieder und schwitzt.

„Der Mann am Rohr“, der Steuermann also, ist der einzige mit dauerhaftem Schattenprivileg. Sein Arbeitsplatz ist mit einem schiffsbreiten und metertiefen Sonnensegel über ein am Heckkorb angeschraubtes Gestänge bespannt. So bleibt wenigstens der Kopf geschützt – aber nur bis zur Ablösung in einer Stunde. Seit die Luv in dieser tropischen Ecke der Welt über den südlichen Nordatlantik schippert, reißt sich die Crew um den sonst gern gemiedenen – weil anstrengenden – Rudergängerjob. Wegen des eingebauten Sonnenschutzes.

Aber auch dem Rudergänger ist nicht alles Gold was glänzt. Die Luv segelt mehr oder weniger strammen Westkurs. Wenn Morgens die Sonne mit ihrer sprichwörtlich gnadenlosen Brennerei beginnt, steht sie tief im Osten. Und sofort nach ihrem Aufgang treffen ihre harten UV-Strahlen waagerecht auf Nacken und Rücken und Hinterbeine des Steuermanns. Auf Dauer führt das zu Sonnenbrand und also haben wir vorausschauend für diese niedrigen Breiten ein weiteres Spezialtuch im Stauraum. Heute früh wurde es geriggt. Mit dem für den Wind halb durchlässigen weißen Gittergewebe sieht unsere Yacht jetzt achtern aus wie eine weit geöffnete Plastikmuschel. Macht nichts, wenn nur der Strahlenschutzzweck erfüllt s.

Vier Crewmitglieder drängeln sich mittlerweile auf dem kaum zwei Quadratmeter knappen Schattenschutzplatz hinter dem Steuerrad und hinter dem Rudergänger. Die Freiwache sitzt bzw. liegt unter Deck. Dort ist es zwar auch brütend warm, nein heiß, aber der drohende Hautkrebs hat so weniger Chancen, sich durchzusetzen.

Selbstverständlich benutzt die Crew die üblichen Sonnenschutzmittel mit den allerhöchsten UV-Faktoren. Und daneben hilft sich jeder von uns mit seiner eigenen Abwehrstrategie. Ich zum Beispiel habe mir lange helle Leinenhosen zugelegt, T-Shirts mit langen Ärmeln und einen sehr breitkrempigen Hut. Wirksam ist der Einfall, den ausgebleichten Schnurrbart vollständig über die empfindliche Ober- und Unterlippe wuchern zu lassen. Friedrich Nietzsche wäre neidisch, müsste er seinen mit meinem Schnauzbart vergleichen. „Barfußroute“ nennt sich im Gegenssatz zur kalten und stürmischen Fahrt über den Nordatlantik die ARC-Ralleye von Europa in die Karibik. Dieser schönfärberische Begriff sollte nicht allzu wörtlich genommen werden. Ich für meinen Teil pfeife auf das modische Grundgesetz, wonach die Kombination von Sandalen mit Socken ganz und gar nicht zulässig ist. Auch Füße verbrennen.

Der spätere Nachmittag gestaltet sich sonnen-mäßig gesehen – einigermaßen entspannt. Der grelle Glutofen am Himmel ist über den Mast der Luv nach Westen gewandert und steht jetzt direkt voraus. Großsegel und Spinnaker decken ihn vollständig ab. Das Deck ist vollständig beschattet. Jetzt beginnen die angenehmsten Stunden des Tages. Arne, Basti und Till nutzen das diffuse Licht, um sich ohne allzu großes Risiko auf der segelnden Solarbank zu bräunen. Ehrlich gesagt, sehr konsequent ist das nicht.

Heiko Tornow

“Basti hat eine Kakerlake getötet.“

Bericht 23

Position 14 Grad 42 Minuten N

36 Grad 05 Minuten W

Wetter : leicht bewölkt. Wind O 3 bis 4, Seegang 2 bis 3 Meter

 

Im Bordbuch der Luv findet sich diese Eintragung:“Basti hat eine Kakerlake getötet.“

Die Einzige?“ Wohl kaum. Mit Kakerlaken ist es wie mit Ratten. Sieht man eine, ist sicher: Da sind mehr. Wir haben also die Abwehrschlacht gegen die Invasion der krabbelnden Aliens verloren. Wie die meisten Teilnehmer der ARC-Ralleye in die Karibik hatten auch wir uns gegen das Ungeziefer gerüstet. Kakerlakenfallen sind im Schrank und auf den Bodenbrettern mit doppelseitigem Klebeband fixiert. Für alle Fälle gibt es eine Dose Giftspray. In den Häfen blieben die Schuhe vor dem Schiff auf dem Steg zurück. In den Sohlen hätten sich Eier oder Larven verstecken können.

 

Michael, der Proviantmeister der Luv, inspiziert pingelig jede Einkaufstüte und jeden Lebensmittelkarton, ob sich nicht zwischen Eiern, Obst und Brot so ein kleiner Widerling versteckt haben könnte. Jetzt haben wir die beim Einkauf auf dem Markt von Mindelo noch grüne Bananenstaude im Verdacht. Sie allein bietet unseren Fressfeinden tausendsiebenhundertvierundsechzig Versteckmöglichkeiten! Im Yachthafen von Las Palmas sehen wir zwei britische Yachties, die sorgfältig jede Tomate und jede Orange in Meerwasser tunken und hoffen: „ Its against the beetles.“

Mit dieser trüben Hafenmiege gegen die Käfer? Das heißt doch wohl, den Teufel mit Beelzebub austreiben. Wie wäre es mit Chemie?

In einschlägiger Fachliteratur wird Kakerlaken-Kammerjägern geraten, befallene Räume zu begasen. Im Fall der befallenen Luv hilft so eine Radikalkur natürlich nicht weiter. Wir werden es wie Basti halten müssen: Sehen wir eine, bringen wir sie um. So ist das nun mal. Tierliebe hat ihre Grenzen.

Noch so tierischer Eintrag im Bordbuch: „Till findet einen Octopus an Deck.“

Das ist mal eine willkommene Neuigkeit, die zum fröhlichen Philosophieren einlädt. Fliegende Tintenfische? Eine neue Spezies? Wie hoch können Octopusse springen? Können sie überhaupt springen? Oder hat ein fliegender Fisch – bevor zum Fliegen er sich entschloss – einen Octopus geschnappt und seine Beute an Deck der Luv gespuckt? Fragen über Fragen. Die Ozeane sind ja überhaupt noch nicht so richtig erforscht.

Heiko Tornow

 

Bericht 21

Position 16 Grad 27  Minuten N

30 Grad 22 Minuten W

Wetter : Mond im letzten Quadranten, leicht bewölkt. Wind NO 4 bis 5

 

Eggert hält sein Ohr ans Achterstag. Die lange Stahlstange, die den 22 Meter hohen Mast davon abhält, unter Wind- und Segeldruck nach vorn zu kippen, gibt ein jaulendes, quitschendes, unangenemes und vor allem unvorschriftsmässiges Geräusch von sich. Der hohe Ton läßt sich vergleichen mit dem Kratzen eines Fingernagels auf einer Schultafel. Unten im Salon hört man es auch. Es kommt aus dem Mast. Eggert vermutet, irgendeine der zahlreichen Umlenkrollen für die vielen Leinen, die zu den Segeln führen, macht schlapp, hat einen Defekt, läuft nicht mehr wie geschmiert und jetzt protestiert sie gegen die schlechte Behandlung und jammert.

 

Segeln vor dem Nordost-Passat ist Stress für alle Teile des Schiffes. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig…In diesen vier Sekunden rollt die Luv von Backbord nach Steuerbord, und wieder zurück. Nach links um 99 Grad, nach rechts um 98 grad. Nach rechts deshalb nicht so weit, weil dass Großsegel das Schiff  gegen den Wind abstützt. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig….21600 mal am Tag. Alle paar Minuten wirft eine besonders hohe Welle, die sich nicht an die vom Wind vorgegebene Richtung hält und quer zur See läüuft, die Luv um einige Grad tiefer auf die Backe. Nach links um 99 Grad, nach rechts um 98 Grad. Neben dieser lateralen Bewegung gibt`s noch die horizentale. Immer mal wieder hebt eine Woge mit lärmendem Rauschen das Heck um bis zu drei Meter in den Himmel, läuft gurgelnd unter dem Rumpf nach vorn und hinterlässt ein ebenso tiefes Tal, in das die Luv- Bug voran-  hinunterglitscht. 

„De arme Lüd an Land.“, sagt der Seemann und bedauert damit die Landratten, denen eine solch wackelige Welt naturgemäß frend bleiben muss. 

Heiko Tornow 

Und schon wieder zwei Handbreit Wasser überm Kiel

 Bericht 20

Position 16Grad 25 Minuten N

28 Grad 22 Minuten W

Wetter : Sonnig, leicht bewölkt. Wind NO 5 bis 6

 Was dem Fussballer der Rasen, ist dem Seemann das Wasser: sein eigentliches Element. Man sollte meinen, Segler könnten gar nicht genug davon bekommen. Diese Annahme gilt mit zwei Einschränkungen. Zum einen ist zu viel Wasser im Rumgrog durchaus unbeliebt in Seefahrerkreisen, zum anderen mag niemand zwei Handbreit Wasser über dem Kiel.

Genau soviel salziger Ozean schwappt heute früh bis an die Bodenbretter im Salon der Luv. Wasser im Schiff! Das darf nicht! Und so viel! Das muß raus. Sinken wir? Alle Mann an die Pumpen! Wo ist der Einbruch? Ist das Rettungsboot klar? Müssen wir jetztz gleich SOS morsen oder reicht Mayday oder gar nur PANPAN PANPAN PANPAN?

Die elektrische Lenzpumpe gibt rasch auf. Die Handpumpe im Cockpit funktioniert einwandfrei, wurde gerade erst erneuert. Langsam sinkt der Wasserpegel und die Hoffnung steigt. Der Notruf bleibt ein nicht ausgesprochener Gedanke.

 

Wir nehmen die schweren Bodenbretter hoch. Die Vorräte, die in der Bilge über dem Kiel lagern, schwimmen, viele Dosen haben kein Etikett mehr. Das gibt demnächst Überraschungsmenues: Rote Beete mit Apfelmus oder Eierravioli mit Ananas. Mit Eimer und Feudel macht die Mannschaft Reinschiff im abgesoffenen Rumpf. Till taucht derweil hinten in die Backskiste unter und fahndet nach dem Leck. Wir haben einen bösen Verdacht. Schon einmal waren durch ein defektes Lenzrohr im Heck einige hundert Liter Atlantik in die LUV gelaufen. Das war während des Blue-Race von Newport bei New York nach Hamburg. Die Männer auf der Werft hatten den Auftrag, diesen Mangel fürs nächste mal absolut auszuschließen. Haben sie auch versprochen. Aber nicht gehalten. An gleicher Stelle der gleiche Mist. Mit jeder Welle dringt Wasser ein und verteilt sich gleichmässig im auf den Wellen schwankenden Schiff. Till dichtet das Leck mit einer Schlauchschelle ab.

Minuten vor dem Start zur Ralley in die Karibik am gestrigen Mittag gabs schon einen GAU. Wir setzen das Großsegel und wollen es mit dem hydraulischen Baumniederholer trimmen. Der Baum läßt sich aber nicht niederholen. Der frische Wind füllt das grosse Tuch, der schwere Baum steigt, das Segel beult sich zum formloskraftlosen Sack am Mast. Hydrauliköl spritzt an Deck. Noch vier Minuten bis zum Start. Nur noch Zeit für eine Notreparatur. Eine schnell geriggte Leine, ein Umlenkblock und eine freie Winsch werden zwekckentfremdet, der Baum halbwegs heruntergezwungen. Noch eine Minute bis zum Start. Rasche Manöver mit dem Großsegel sind jetzt nicht mehr möglich. Noch zehn Sekunden, fünf, zwei. Start. Ich weiss nicht wie aber die Luv ist wieder die erste Yacht von 47 an der Linie und sie verteidigt den Vorsprung auf den ersten Meilen im engen Kanal zwischen den beiden Inseln Antao und Sao Vicente. Der Passat presst die Luft hindurch. Weil die hohen Berge rechts und links dem Wind keinen Ausweg lassen, wird er schneller. Sehr schnell. Am Ende ein ausgewachsener Sturm mit Böen von über 9 Beaufort. Dasmit hat keiner in der ARC-Flotte gerechnet. Schon gar nicht der Skipper von Mathilde, der härteste Konkurrent der LUV auf der Etappe von Las Palmas zu den Cap Verde Inseln. Die Mathilde, eine X-Yacht wie die Luv,  setzt ihren Spinnaker, sie will unbedingt aufholen. Der Spi steht keine zwei Minuten, da fliegt er mit lautem Knall aus den Lieken und liegt im Wasser. Geschätzer Schaden: ca 8000 Euro. Geschätzter Zeitverlust: etwa zehn Minuten. Wir bedauern die Mathildes aufrichtig.

So ein Start zu einem Seerennen ist schon eine furchtbar aufregende Sache. Er wird aber gerne überschätzt. Vor uns liegen 2080 Seemeilen, wenn alles gut geht, sind wir in etwas über 270 Stunden drüben in St. Lucia. Was sind da zehn Minuten.

 

Heiko Tornow

 

Mit Columbus über den Teich, aber auf anderem Kurs

Bericht 22

Position 15 Grad 59 Minuten N

33 Grad 25 Minuten W

Wetter : leicht bewölkt. Wind ONO 4 bis 5, Böen bis 7, Seegang 2 bis 3 Meter

Plötzlich sind sie da. Über hunderte von Meilen ist niemand von der ARC-Flotte in Sicht. Ein absolut blanker Horizont. Man hätte sich vorstellen können, die Luv liege vor allen anderen im Rennen über dem Atlantik und heimlich hatte dies der eine oder andere bei uns an Bord wohl auch gehofft. Aber da segeln sie. Die belgische Aronax, steuerbord achteraus, Abstand drei Seemeilen und die dänische Mathilde an Backbord, fünf Meilen voraus. Alle drei X-Yachten, die drei Preisträger der ersten Etappe, wieder dicht beieinander.

Nach dem turbulenten Start vor drei Tagen hatte sich die Spreu vom Weizen schnell getrennt. Vorne weg die doppelrümpfigen Katamarane, sie segeln in einer eigenen Klasse und zählen unter richtigen Traditionsseglern mit kleinen Vorurteilen eher als schwimmende Wohnzimmer mit Mast denn als richtiges Segelschiff mit Kiel. Dann folgen die großen Einrumpfboote der Klasse A, deutlich vor den kürzeren und leichteren Kreuzern. Einmal freigesegelt von den stürmischen Küste der Cap Verden steuert jedes Schiff seinen eigenen Kurs, jeder Navigator hat seine eigene Taktik, jeder Skipper seine private Strategie. Mit Einbruch der Nacht hat sich die Flotte auf dem großen Ozean weit verteilt. Jeder Steuermann hat das gleiche Ziel vor Augen, jeder schaut anderswo hin. Steckt Logik in all der Wirrnis?

Man sollte meinen, der Kurs sei für alle gleich. Das Ziel der Wettfahrt, St. Lucia, liegt genau im Westen, 270 Grad, keine Minute nördlich oder südlich. 270 Grad! Was soll da der jeweils andere Kurs? Christoph Columbus, der 1492 auf genau der gleichen Strecke wie wir gegenwärtig in Richtung Westen segelte, hatte es einfach. Seine Santa Maria besaß quadratische Segel, an einer Rah gebunden, die 90 Grad zur Kiellinie stand. Der östliche Wind blies vierkant dagegen, die Karavelle wurde nach Westen geschoben. Statt eines Segels hätte er genauso gut ein Brett an den Mast nageln können. Columbus, einmal aufgebrochen, konnte gar nicht anders, als Amerika zu entdecken. „Vor dem Wind“, heißt es, „läuft ein Bund Stroh.“ Aber es läuft verdammt langsam. Columbus hatte Zeit. 36 Tage benötigte er für seine historische Reise. Wir wollen es in zehn Tagen schaffen. Da müssen wir die physikalische Erkenntnis nutzen, dass ein vom Wind angeströmtes Segel ungleich mehr Vortriebskraft entwickelt, als ein nur platt angepustetes. Die unterschiedlichen Segelschnitte, die Vielfalt der Rumpfformen, die Höhe der Masten, das Gewicht der Schiffe und natürlich Können und Erfahrung der jeweiligen Crews führen nun mal bei 47 Schiffen zu 46 Kursen.

Columbus dagegen ahnte nichts von Strömungsphysik, das Kreuzen gegen den Wind galt damals noch als Teufelszeug und Hexerei. Columbus hatte auch keinen Wetterbericht und das mag sogar ein Erkenntnistheoretischer Vorteil gewesen sein. Wir haben einen mit viel Mühe mit Hilfe der nur mangelhaft funktionierenden Satellitenempfangsanlage aus dem Äther gefischt. Danach soll es in zwei Tagen im Süden mehr Wind aus einer besseren Richtung geben. Die Luv-Crew unterstellt wider alle schlechten Erfahrungen mit Wetterpropheten: Diesmal haben sie Recht. Wir segeln nach Südwest. Mathilde und Aronax waren zuletzt im Nordosten zu sehen.

Heiko Tornow

Erfolgreiche Wettfahrt- gescheiterte Landnahme für Angela

Bericht 19

Im Hafen von Mindelo, Cap Verde

Wetter: Passatwind 4 bis 5. Leicht bewölkt.

Die Luv liegt seit Tagen in der fünftschönsten Bucht der Welt.  Diese Mitteilung stammt vom Hafenkapitän von Mindelo. Beim Empfang für die etwa 200 Segler der ARC+-Rallye von Las Palmas zu den Cap Verden preist er in Vertretung des Bürgermeisters die Vorzüge seiner Heimat und freut sich riesig , dass zum ersten mal eine so bedeutende internationale Hochseeregatta sein Mindelo zum Ziel gewählt hat.

Die Freude ist ganz auf unserer Seite. Wir erleben genau das bunte, laute, fröhliche, freundliche und fremde Afrika, dass wir erhofft hatten, als wir unser Schiff für eben diese erste Etappe der Transatlantik-Wettfahrt anmeldeten. Zumal wir auch noch gewonnen haben. Ein sauberer Start-Ziel-Sieg. Die von der Regattaleitung veröffentlichte Ergebnisliste verrät unsere erfolgreiche Taktik: Nicht der gerade Weg von den Kanarischen Inseln ins Archipel der Cap Verdes war der schnellste, vielmehr die Zickzack-Kreuz vor dem immerwährend aus Nordost blasenden Passat. Wir hielten so die Luv dauernd auf höchstem Speed, segelten zwar mit 913 Seemeilen 19 mehr als  die zweitplatzierte britische Shamrock, waren aber am Ende nach vier Tagen und 13 Stunden deutlich als erste Yacht über der Ziellinie. Auch die Zeitkorrekturen, die zwischen niemals baugleichen oder gleichgrossen Schiffen für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen, halfen der Konkurrenz nicht.  die Luv ist und bleibt First ship home und First ship auch nach berechneter Zeit. Besser geht nicht. ( Hab ich nach dem gelungenen Start in Las Palmas zwar schon mal geschrieben, aber das musste jetzt mal sein).

Die Insel São Vicente wartet seit mehr als 300 Tagen auf Regen. Der Passat bläst zwar täglich Wolken in die kleine Inselwelt der Cap Verde, an den  niedrigen Vulkangipfeln von Såo Vicente aber wehen sie vorüber. Die Regenzeit im September und Oktober ist komplett ausgeblieben.  Beim Ausflug zu den Kratern und Traumstränden der Insel fahren wir durch eine ausgedörrte Landschaft, in der selbst die Kakteen verdursten. Die Menschen versuchen auf kleinsten Grundstücken so etwas wie Landwirtschaft aufrecht zu erhalten. Auf dem Kopf tragen Frauen schwere Wasserkanister lange Strecken. Wir fragen uns, warum eigentlich immer die Frauen? Das Wasser wird in Mindelo mit Dieselstrom aus Meereswasser gewonnen und ist entsprechend teuer. Es ist streng verpönt, mit Süßwasser die Schiffe zu waschen. Nicht alle Eigner halten sich an diese Regel für Einsichtige.

Die Luv-Crew will baden.  Wir pusten unser Gummiboot auf, klettern alle sechs hinein und schippern -leicht überladen-  umrunden den großen Wellenbrecher vor dem Hafen und nehmen Kurs zu dem Strand, der mit schneeweißem Sand  in der Nordostecke der fünftschönsten Bucht der Welt lockt. Ein wirklich schöner Strand vor bizarrer Bergkulisse. Und so menschenleer und glattgefeht. Wir fühlen uns wie Kolumbus an neu entdeckter Küste und taufen den Strand “ Angelas Bay“.   Da kommt ein Mann auf uns zu und bedeutet uns mit bedauernden Gesten, wir dürften hier nicht schwimmen, niemand dürfe das. Und tatsächlich, von der Landseite ist der Streifen mit einem hohen Bauzaun gegen unbefugtes Betreten gesichert. Wir vermuten, dass der Tourismusminister noch keine Zeit gefunden hat, den Strand einzuweihen und wir wollen ihm den Spaß nicht verderben.  Wir lassen „Angelas Bay“ bedauernd zurück und springen einfach so vom Gummiboot ins warme Wasser.

Heiko Tornow

4. Seetag: Von fliegenden Fischen und anderen Vögeln

Auf See zu den Cap Verden

Wetter: Passatwind 4 bis 5. Leicht bewölkt. Noch wärmer

Wir haben unseren ersten Fisch gefangen! Nun ja, er hat sich uns sozusagen selbst hingegeben. Morgens lag das Exemplar der Gattung Fliegender Fisch zwischen den Leinen auf dem Vorschiff. 7 ( in Worten: sieben) Zentimeter ist er lang, eher wenig beeindruckend aber doch Anlass zur tiefen Zufriedenheit in der Mannschaft. Was haben wir nicht alles angestellt auf unserer Reise, um endlich mal so ein Flossentier zu erlegen. James hat ein halbes Vermögen in hochseetaugliches Fanggerät investiert. Hunderte von Meilen haben wir mal diesen, mal jenen Köderfisch hinter der Luv hergeschleppt. Nie auch nur ein Biss.

Die Hoffnung auf Thunfisch haben wir noch nicht vollständig aufgegeben. In Erwartung reichen Fanges haben wir in den Vorräten alles für ein zünftiges Sushigericht: Sojasoße, Wasabi, Stäbchen und natürlich: „Whitewine with the fish.“

Auf Madeira nahm James bei einem örtlichen Fischer sogar einen ganzen Tag lang praktischen  Nachhilfeunterricht im Hochseeangeln. Über 100 Euro kostete das, blieb leider jedoch ganz ohne Ergebnis. Der Fischer teilte James zwar mit, die Saison sei nun mal leider vorbei, die gelbflossigen Tunfische und die gigantischen Blue Marlins seien fortgezogen. Diese demotivierende Erkenntnis betonte er jedoch erst im Anschluss an den teuren Trip zu den „Big-Game Fishinggrounds“. Als Trost verkaufte der Fischer seinem deutschen Kunden noch einen gebrauchten Köder, der seinen großen scharfspitzen Haken mit den bunten Tentakeln  eines Plastik-Oktopus tarnte: „Der ist garantiert fängig.“

Gestern Abend stellt er diese Eigenschaft  unter Beweis. Wir haben  den Second-hand-Tintenfisch schon eine ganze Weile hinter der Luv im Schlepp, als die Rolle laut ratschend abläuft. Ein Biss! Till springt mit einem reaktionsschnellen Satz zur Angel, haut die Bremse rein, will den Fang reindrehen. Da ist die Sehne auch schon ausgerauscht. Der dreifach fachgerechte Seemannsfischereiknoten  gibt mit lautem Zäng  nach.  Der Fisch, den wir fast gefangen hätten, war gewiss riesengroß und hätte uns sicher einen Preis im Angel-Sonderwettbewerb der ARC-Ralley eingetragen. Till schlägt vor, statt dessen unseren Fliegenden Fisch bei der Jury einzureichen. Für alle Fälle machen wir ein Beweisfoto, bevor wir den kleinen Aussenbordskameraden  über die Kante werfen. Er roch schon.

Mittlerweile umschwirren uns hunderte der beflügelten Kiemenathmer . Mit jeder Meile, die wir nach Süden vorankommen, werden es mehr. Sie werden auch größer.  Eggert beschwert sich erschrocken. In der Nacht fliegt ihn ein Fisch “ heimtückisch und mit gefletschten Zähnen“ von hinten an die Beine und zappelt dann unten in den Speichen des Steuerrades. Wir spülen ihn über Bord.

Am Nachmittag hat die Luv für einige Stunden einen blinden Passagier an Bord. Ein spatzengrosser Vogel landet in der Takelage und ruht sich – über 250 Kilometer vom nächsten Land entfernt- von seinem Irrflug aus. Wir werden daran erinnert, dass nicht alles was fliegt, auch schwimmen kann. Der Vogel bleibt nicht lang. Er wird wohl ersaufen.

Till berichtet, sein Vater habe früher oft erzählt, wie er in seinen Matrosenjahren fliegende Fische am Äquator gefangen habe. Er fuhr damals auf einem Tanker, das beladene Schiff lag tief im Wasser. Anfliegende Fischschwärme wurden mit großen Lampen angelockt. An Deck hatte der Smutje Pfannen aufgestellt und davor ein Brett mit zahlreichen scharfen Messern, die Spitze nach oben. Flog nun so ein Fisch über die Bordwand, schlachtete er sich sozusagen selbst und landete, im Idealfall schon ausgenommen, in der Pfanne.

Ob das nicht Seemannsgarn sei, fragt Basti, er ist Mediziner und glaubt nicht gleich alles. Ich  versichere ihn, an der Geschichte sei nicht alles gelogen. Fliegende Fische kann man tatsächlich essen. Sie schmecken ähnlich wie Heringe. Michael, der sich gerne um unser leibliches Wohl sorgt, stellt eine Pfanne an Deck und geht in die Kombüse. Er wetzt die Messer.

Heiko Tornow