In einer Piratenhöhle mit Stempel, Formular und einer Quittung für die Beute

 

Bericht 31

Gewässer um Saint Vincent und Grenadinen

Wetter : Südost vier Bft, abflauend, 28 grad, leichte Schauerböen
 
„Chateaubelair“ heißt die palmen- und  strandbesäumte  Bucht an der Nordwestecke der
Insel Saint Vincent; in dem französischen Namen stecken „Schloss“ und „gute Luft“. Wir werfen den Anker auf zehn Meter Wassertiefe. Es ist stockdunkel, vom nahen Ort schimmern ein paar schwache Laternen, karibiktypische Steelband- Musik dringt herüber, auch der Gestank einer schwelenden Müllhalde, „belair“ eben. 
Nur eine Bucht weiter, drei Meilen südlich, so steht es im Yachtführer „Doyle“, wurde der Piratenfilm „Fluch der Karibik“ mit Jonny Depp gedreht. Die Filmemacher hatten sich auf unseren Ankerplatz wohl nicht getraut. Besagter Führer, eine Art Bibel für Karibiksegler,  verrät nämlich, dass „Chateaubelair“ bis vor kurzem für friedliche Seefahrer wie wir nicht sicher sei, ein echtes Piratennest also.  Ankerlieger mussten mit unangemeldetem nächtlichem Besuch rechnen.
Die Besucher, so lesen wir, seien nunmehr im Knast, man müsse sich nicht mehr sorgen. Unabhängig voneinander schauen gleich drei Crewmitglieder nach dem Datum des Buches. Von wann datiert die Entwarnung im Doyle? Wie lange hat der Filmpirat Käpt’n Jack Sparrow gebraucht, um aus seinem Gefängnis auszubrechen und erneut vor Anker liegende fremde Schiffe zu besuchen und zu berauben?
Wir beschließen einstimmig, abwechselnd je eine Stunde Nachtwache zu gehen. Sicher ist sicher und unser Küchenbeil liegt griffbereit in leicht erreichbarer Schublade. Am frühen Morgen erhalten wir tatsächlich Besuch. Ein junger Mann auf einem gepaddelten Kunststoffbrett bringt uns frische Brötchen. Beim Frühstück öffne ich mit dem Beil einige Kokosnüsse. Die Milch schmeckt herrlich.
 
Die Luv ist unterwegs zu den Grenadinen, einem Archipel von einigen Dutzend Traumzielen mit Kokospalmen, weißen Sandstränden, türkisfarbenem Wasser über bunten Korallenbänken, mit wunderschönen Mädchen, die mit waschbrettbäuchigen Jungmännern in einer Tour Cola-Rum trinken und verzückt nach Raggaemusik tanzen. Da gehören wir natürlich hin –  jedenfalls die jüngeren der Crew, die sich an ihren eigenen Waschbrettbauch noch erinnern können und auf einem Surfbrett eine passable Figur machen.
 
Um in diesem Paradies ankern zu dürfen, benötigt man eine Einreiseerlaubnis des zwar sehr kleinen aber sehr souveränen Karibikstaates Saint Vincent und der Ort  Chateaubelair ist der erste erreichbare Zollplatz mit Einreisebehörde.  Die öffnet  um acht Uhr in der Früh, steht im „Doyle“. Als Skipper der Luv muss ich den lästigen Behördengang erledigen. Mit dem Beiboot geht’s an Land; ein Typ, der ohne sich umzuziehen locker in die Mannschaft der „Black Pearl“ gepasst hätte, bietet mir an, mir den Weg zum Zollamt zu zeigen. Ein Matschpfad entlang der vermüllten Küste, dann weiter nach links zwischen  halbverfallenen Bretterbuden und wilden Kleingärten, einige Stufen über eine sogenannte Treppe, eine verrostete Gittertür zu einem maroden Gebäude. Ich denke wieder mulmig  an den „Fluch der Karibik“ und frage mich ernsthaft, warum ich meinem Führer so leichtsinnig hierhin gefolgt bin und der zeigt im
Hof auf ein kleines handgemaltes Schild: „Custom“, Zoll. Die Beamtin empfängt mich in ihrem karg möblierten Büro,  barfuß, in kurzen Hosen und gelbem T-Shirt. Sehr freundlich bietet sir mir einen Stuhl. Dann erklärt sie mir, dass die Luv sich schon gestern Abend hätte bei ihr melden müssen, jetzt würde eine Strafe für das verspätete Einklarieren fällig, sie wäre 24 Stunden am Tag im Dienst.
Glaube ich sofort!

Ich wähne mich erneut verraten und verkauft und unter die Wegelagerer gefallen. Nie im Leben würde irgendein Yachtie dieses Zollamt im Dustern finden, das ist ja sogar in der Sonne unsichtbar. Ja, sagt die freundliche Zöllnerin mit viel Verständnis, schon viele seien an ihrem Haus vorbeigelaufen, es gäbe leider keinen hilfreichen Hinweis an der Strasse. Ich frage: Welche Straße? Und auch  kein amtliches  Schild, bedauert sie, aber so sei die Vorschrift: 35 East Karibien Dollars Bußgeld. Erst als sie schließlich Stempel herausholt und mir ein sehr großes Formular aushändigt, welches auszufüllen 35 Minuten dauert, beruhigen sich meine Nerven. Eine echte Räuberhöhle mit Stempel und Formular und sogar einer Quittung für die Beute. Das gibt es nicht. Das muss ein Amt sein.

 

Heiko Tornow

 

“Basti hat eine Kakerlake getötet.“

Bericht 23

Position 14 Grad 42 Minuten N

36 Grad 05 Minuten W

Wetter : leicht bewölkt. Wind O 3 bis 4, Seegang 2 bis 3 Meter

 

Im Bordbuch der Luv findet sich diese Eintragung:“Basti hat eine Kakerlake getötet.“

Die Einzige?“ Wohl kaum. Mit Kakerlaken ist es wie mit Ratten. Sieht man eine, ist sicher: Da sind mehr. Wir haben also die Abwehrschlacht gegen die Invasion der krabbelnden Aliens verloren. Wie die meisten Teilnehmer der ARC-Ralleye in die Karibik hatten auch wir uns gegen das Ungeziefer gerüstet. Kakerlakenfallen sind im Schrank und auf den Bodenbrettern mit doppelseitigem Klebeband fixiert. Für alle Fälle gibt es eine Dose Giftspray. In den Häfen blieben die Schuhe vor dem Schiff auf dem Steg zurück. In den Sohlen hätten sich Eier oder Larven verstecken können.

 

Michael, der Proviantmeister der Luv, inspiziert pingelig jede Einkaufstüte und jeden Lebensmittelkarton, ob sich nicht zwischen Eiern, Obst und Brot so ein kleiner Widerling versteckt haben könnte. Jetzt haben wir die beim Einkauf auf dem Markt von Mindelo noch grüne Bananenstaude im Verdacht. Sie allein bietet unseren Fressfeinden tausendsiebenhundertvierundsechzig Versteckmöglichkeiten! Im Yachthafen von Las Palmas sehen wir zwei britische Yachties, die sorgfältig jede Tomate und jede Orange in Meerwasser tunken und hoffen: „ Its against the beetles.“

Mit dieser trüben Hafenmiege gegen die Käfer? Das heißt doch wohl, den Teufel mit Beelzebub austreiben. Wie wäre es mit Chemie?

In einschlägiger Fachliteratur wird Kakerlaken-Kammerjägern geraten, befallene Räume zu begasen. Im Fall der befallenen Luv hilft so eine Radikalkur natürlich nicht weiter. Wir werden es wie Basti halten müssen: Sehen wir eine, bringen wir sie um. So ist das nun mal. Tierliebe hat ihre Grenzen.

Noch so tierischer Eintrag im Bordbuch: „Till findet einen Octopus an Deck.“

Das ist mal eine willkommene Neuigkeit, die zum fröhlichen Philosophieren einlädt. Fliegende Tintenfische? Eine neue Spezies? Wie hoch können Octopusse springen? Können sie überhaupt springen? Oder hat ein fliegender Fisch – bevor zum Fliegen er sich entschloss – einen Octopus geschnappt und seine Beute an Deck der Luv gespuckt? Fragen über Fragen. Die Ozeane sind ja überhaupt noch nicht so richtig erforscht.

Heiko Tornow