Bericht Nr. 8

Auf See

Querab  Cap Finisterre, Nordwestspanien

Wetter: Regen, Nordost 0 bis 3

Ich habe nichts mehr zu sagen. Als Skipper der Luv bin ich abgelöst. Seit Eggert vor ein paarTagen zur Crew gestoßen ist, hat er das Sagen an Bord. Dabei sagt er meist gar nichts.  Stundenlang steht er am Ruder, kontrolliert stumm Kompass, Kurs und Kimm und lässt die übrige Besatzung weitestgehend in Ruhe. Er gilt in der Segelscene als „Der große Schweiger“.  Nur manchmal verblüfft der neue Schiffsführer mit wort- und detailreichen Ausführungen zum Wetter. Warum etwa die gekrümmten Isobaren in einer sich auflösenden Occlusion mit nachfolgendem Trog oder sich vertiefendem Hoch am Rande einer unklaren Grosswetterlage für eine Winddrehung um 27 Grad nach ostsüdost verantwortlich sind. Jedenfalls hört es sich so ähnlich an, wenn ein ausgewiesener Fachmann mit zahlreichen nachgewiesenen Wetterseminarbesuchen über Meeresmeteorologie spricht.   Wenn es dann wie gewöhnlich anders oder sogar umgekehrt kommt, weiß Eggert natürlich genau warum.

Davon wird das Wetter leider auch nicht besser. Seit Tagen ruht sich die Luft aus. Keine Isobare bringt sie auf Tempo. Kein Druckunterschied setzt sie in Bewegung. Heute hat der Wind zwar – wie von Eggert prognostiziert- auf ostnordost gedreht. Aber das eine schlappe  Beaufort reicht nicht mal aus,  um mit dem mittschiffs fixierten Großsegel das Schiff in der kabbeligen Dünung ein wenig zu stabilisieren. Es schaukelt gewaltig.  Und der Motor lärmt. Es regnet und es ist kalt. Seefahrt kann so schön sein – an anderen Tagen. Zisch sagt, das alles hätte er nicht gebucht und er wolle sein Segelgeld zurück, seine Kostenbeteiligung für die Segelreise mit der Luv. Daraus wird nix. Er muss ja auch nicht draufzahlen bei der nächsten schönen Brise und wenn die Sonne wieder wärmt.

Die neue Arbeitsteilung zwischen mir und dem neuen Kapitän ist keine Folge einer wüsten Meuterei sondern kluge Personalpolitik . Erstens ist mein Nachfolger eh der erfahrenere und bessere Segler. Er weiß nicht nur alles übers Wetter sondern zweitens als Ingenieur und Elektroniker kann er auch alle elektrischen und mechanischen Ausrüstungsgeräte auseinander schrauben, entkernen, den Fehler suchen und reparieren und danach zur vollsten Funktionstüchtigkeit wieder in Betrieb nehmen. Auswendig!

Zum Beispiel unser AIS-Gerät. Mit dieser Erfindung können Schiffe ihre Position, ihren Kurs und noch eine Menge andere Daten anderen Schiffen mitteilen ( und weltweit jedem Interessierten, incl. der amerikanischen Ausforscher von der NSA .) Das Automatische Informations System  ist sehr nützlich auch für die Leser dieser Zeilen. Wer wissen will, wo die Luv gerade ist, lädt sich das App „Marine Traffik“  herunter und nach ein paar Klicks sieht man die Luv  auf einer Karte durch den Atlantik schippern. Auf 5 Meter genau.  Wer gerade jetzt mal nachsehen würde, fände uns buchstäblich am Ende der Welt. Das Cap Finisterre heißt so, weil seit altersher hier die Alte (europäische) Welt im Wortsinn ihr Ende fand. Wer von hier aus im glaubenswirren Mittelalter weiter segelte, riskierte über den Rand der Scheibe zu fallen.

An Bord der Luv war das  AIS durchgeschmort, keiner weiß warum. Eggert hat das neue mit der Unterstützung von Claus in zweitägiger Bastelarbeit wieder hingekriegt. Drei Tage hat er anschließend für die Erläuterung benötigt, was denn nun warum und wie mithilfe von aus-und umgebauten Antennen -Splits, hochkomplizierten Platinen  und  sonstigen kryptischen Bauteilen verändert und verbessert wurde. Weiß der Teufel, warum er der „Schweiger“ heißt.

Jedenfalls ist die Luv bei ihm in allerbesten Händen und ich kann für ein paar Tage mit gutem Gewissen auf Heimaturlaub fahren.

Heiko Tornow

Vom geplanten Untergang nach länger Seefahrt

Bericht Nr 7

Auf See vor Nordspaniens Küste, Wind 0-1

Unter Motor

Über was man so redet, beim gemütlichen Essen . Heute ist es noch warm, die tiefstehende Venus, der Abendstern,  ist eben gerade nach nur wenigen Minuten ihres frühen Leuchtens hinter den Ausläufern der nahen baskischen Pyrenäen untergegangen.

Untergang. Das ist das willkommene Stichwort für ein anregendes Tischgespräch im Cockpit der Luv. Es stellt sich nämlich als Ergebnis einer kleinen Umfrage entlang der Sitzordung von  steuerbord übers Heck nach backbord heraus, das alle fünf Crewmitglieder dermaleinst untergehen wollen, bevorzugt in der Nordsee, vor Cuxhaven. Seebestattung ist ja ziemlich populär geworden und für wen, wenn nicht für mehr oder weniger betagte Seebären, bietet sich so etwas als letztes Reiseziel an?

Michael berichtet anregend von einer solchen Zeremonie, die unlängst vor Neustadt vonstatten ging. Er weiß davon nur aus zweiter Hand, von einem Seglerfreund, das spricht dafür, das es sich nicht um Seemannsgarn handelt. Michael also erzählt: Die kleine Trauergemeinde hatte sich auf einer schmalen Barkasse eingeschifft und war zunächst frohen Mutes in See gestochen. Die bekränzte Urne des verstorbenen Freundes, mutmaßlich – so Michael – auch ein Segler,  besetzte einen zentralen und bekränzten Ehrenplatz an Deck.

Schon in der Hafeneinfahrt, die sich nach Osten öffnet, stand gehöriger Schwell, weiter draußen wurde es weit  wackeliger. Der grossen Mehrheit an Bord wurde rasch und nachhaltig schlecht und übel. An der amtlich zugewiesenen Urnenabwurfzone angekommen musste sich der Seebestatter energisch  durchsetzen. Man solle gefälligst mal aufhören mit dem Übergeben, das zerstöre doch irgendwie die notwendig ernste Stimmung.

Claus nimmt noch ein zweites mal von unserem Fischgericht und sagt, ihm wäre es egal, ob bei seiner eigenen Seebestattung gekotzt würde, er würde auf jeden Fall die Nordsee als Seemannsgrab bevorzugen, auch wenn die Gefahr dort größer sei, sich bei der Bekannt- und Verwandtschaft posthum unbeliebt zu machen. Elbsegler Eggert teilt mit, er sei auch für die See zwischen Helgoland und Cuxhaven, er habe das in seinem Testament noch nicht festgelegt. Das klingt so, als ob sein letzter Wille  demnächst auf der Tagesordnung stünde.

Unser Segelkamerad Loewe hat eigene lustige Erfahrungen mit diesem eigentlich traurigen Thema gemacht. Es ist schon ein paar Jahre her, da segnete in einer schottischen Kneipe sein bester Freund, ein bekannter Hamburger Künstler, das Zeitliche. Er war mit seinem Boot nach Edinburgh gesegelt und hatten seinen Landfalll nicht lange überlebt. Herzinfarkt. Loewe übernahm den  letzten Dienst und begab sich nach Edinburgh, die sterblichen Überreste nach Hamburg heimzuholen. Die befanden sich bereits in einer Urne.

Loewe  hatte Vollmacht, er unterzeichnete diverse Papiere und packte den Freund dann zum sicheren und bequemen Transport in eine Plastiktüte. Vor dem Heimflug besuchte er noch besagte Kneipe und feierte mit der Urne auf dem Tresen und zahlreichen berührten und begeisterten Schotten zünftigen Abschied. Der Freund, so Loewe, sei ein großer Whiskykenner gewesen und die Einheimischen hätten das sehr zu schätzen gewusst.

In Hamburg kümmerten sich weder Zoll noch Einwohnermeldeamt um den Verblichenen und seinen Verbleib und so fand ohne behördlichen Segen der Einhandsegler ein paar Wochen später – übrigens bei allerbestem Wetter und vor zahlreichen Zeugen, die alle zum Schweigen verpflichtet wurden – in einer sanft geschwungenen kleinen Bucht vor

der dänischen Insel Avernakö seine letzte Ruhestätte.

Diese Ordnungswidrigkeit ist natürlich längst verjährt und nun darf darüber straflos berichtet werden.  Der genaue geografische Ort  der Seebestattung ist präzise in einer geheimen Seekarte eingetragen. Und, so Loewe, er kenne einige, die an gleicher malerischer Stelle mit ihrer eigenen Asche eine winzige Untiefe  bilden möchten.

Das anregende Abendessen an Bord der Luv geht mit einem Glas guten spanischen Rotweins zu Ende. Whisky haben wir nicht an Bord. Wir leben schließlich noch.

Heiko Tornow

Artikel 6: Auf See

Von Arcachon nach Bilbao

Wetter: bft2. Wolkenlos.

Nun muss ich aber mal wirklich meckern. Der Hafen der südfranzösischen Stadt 

Arcachon ist eine Zumutung. 80 € (in Worten : achtzig Euro !) für einen Tag . Und dafür diese Leistung: ein Liegeplatz von nur acht Metern Länge für unsere 14,50 m-Luv, eine einzige, dazu noch absolut unzumutbare Dusche in einer Marina für immerhin 3000 Boote; von der einen einsamen Toilette will ich schweigen, es könnten sich zartbeseitete Leser über allzu grobe Vokabeln erregen.

Das sonst in allen europäischen Häfen mittlerweile obligatorische freie WLAN für den Zugang ins Internet? Fehlanzeige. Wir hören ein „Excuse‘  „, ein freundliches Bedauern auch wegen des abenteuerlichen Liegeplatzes, an dem uns bei Niedrigwasser tatsächlich die sprichwörtliche  Handbreit Wasser unter dem Kiel fehlt  und ein „Regret“ auch  wegen des wucherischen Hafengeldes; es handele sich bei der Marina nicht um einen kommunalen Hafen sondern um einen privat betriebenen.

Ganz besonders privat betrieben ist die Poisonnerie, die man nach einem zweieinhalb Kilometer langen Marsch gleich neben dem Bäcker und dem Supermarkt erreicht. Wir wollen ein Dutzend Austern kaufen, wie zuvor schon in den von der Luv angelaufenen Fischereiplätzen am Atlantik. 5,80 Euro hatten wir bislang für das Dutzend der schlürfigen  Muscheln  bezahlt. Hier sollen wir nun 23,60 Euro für zwölf Stück hinblättern. Mehr als viermal so viel!  Frische  Flossen-  und Krustentiere gibt es reichlich in dem Fischladen, aber alles zu abschreckenden Preisen.

Wir kaufen nebenan erschwingliche Bratwurst.

Wohin sind wir geraten? Im Hafenhandbuch findet sich eine Menge Unfug und Wahrheitswidriges über Arcachons Marina. Etwa dass für Gäste 250 Liegeplätze reserviert seien ( siehe oben!) oder dass der Hafenkapitän englisch spreche. Die überzeugte Einsprachigkeit des sonst sehr freundlichen Personals ist allerdings ein sicheres Kennzeichen fast aller Franzosen; wir haben jedenfalls kaum polyglotte getroffen auf unserer fast 900 Meilen langen Reise entlang der frankophonen Atlantikküste. Selbst Jugendliche und Studenten passen, wenn sie ihre Muttersprache verlassen sollen. Der Englischunterricht in Frankreich sei sehr schlecht, sagen sie unisono.

Auf der anderen Seite: Unser Französisch ist jammervoll. Zeichensprache und heiteres Worteraten helfen weiter.

Dass Arcachon für fremde Segelschiffe keine gute Adresse ist, scheint sich herumgesprochen zu haben. Wir sind hier wirklich und wahrhaftig das einzige Boot mit fremder Flagge. Dabei hat die Stadt eine einzigartige Landschaft zu bieten, die jeden Umweg rechtfertigen würde. Das nachhaltigste Erlebnis bietet die große Wanderdüne, die schon bei der Ansteuerung von See aus beeindruckt.  Wir klettern die 170 in den knietiefen weichen Sand gelegten schiefen Stufen hinauf und mühen uns barfuss weitere 30 Höhenmeter. Die Belohnung ist eine atemberaubende Aussicht auf das weite Watt der großen Bucht und das von Wind und Wellen weich modellierte vorgelagerte Sandhaff.

Also: Arcachon immer wieder. Aber in der Bucht ankern und mit dem Gummiboot an Land.

Heiko Tornow

Artikel 5: Auf der Reede in der Bucht von Arcachon

75 Meilen immer nach Süden. Der gelbe Strand ist nur drei Steinwürfe entfernt.

Die Luv segelt bei schwachen  halbem Wind ganz dicht unter Land im flachen  Wasser von der Girondemündung nach Arcachon; das ist dort, wo Europas grösste Wanderdüne die millionenfach bestiegene Attraktion ist. Im Seehandbuch heißt es, die Küste sei bis dorthin ohne jede Struktur und langweilig.  Keine Stadt, kein Hafen, nicht mal ein Leuchtturm. Nur eine endlose, schwach bewachsene Düne, länger als 120 Kilometer.

Aber immer mal wieder große graue Betonklötze am Strand. Durchs Fernglas sind sie gut auszumachen: Bunker von Hitlers Atlantik-Wall. Sie haben allesamt die geplanten tausend Reichsjahre nicht überdauert und sind – meist in einem kolossalen Stück –  den steilen Hang zum Meer hinunter gerutscht, das Fundament unterspült von den allfälligen Herbststürmen in der Biskaya. Klotzige Mahnmale, alle halbe Stunde.

Die Luv ist allein auf See. Bis zum Horizont kein Segler. Vom frühen Morgen bis in den Abend keine Chance auf eine kleine Privatregatta mit einem Boot auf gleichem Kurs. Niemand im Sicht. Das verwundert ein wenig, schließlich sind es nur noch drei wertvolle Tage bis zum Ende der großen Sommerferien und ein besseres Segelwetter als heute ist nicht denkbar. Sogar das französische Militär scheint ein Herz für Wassersportler zu haben. Das Revier, durch das wir heute schippern, ist ein sonst viel genutztes Schiessgebiet. Der Hafenmeister in Royan hat uns versichert, bis zum Wochenende würde nicht auf uns geschossen. Die Artillerie sei entweder selbst im Urlaub oder auf dem Weg nach Syrien.

Möglicherweise stand diese Nachricht nicht in der Zeitung und die Yachteigner hier trauen sich einfach nicht aufs offene Meer. Das ist natürlich Unfug.  Die Franzosen sind eine unvergleichliche Seefahrer- und Seglernation. Bei internationalen  Regatten sahnen sie regelmäßig die schönsten Trophäen ab. Die Weltumrunder  und Einhandsegler der Grand Nation haben Heldenstatus. Nach  Eric Tabarly zum Beispiel  wurde jetzt posthum ein sündhaft teures Yachtzentrum für Super- und Rekordboote an der Westküste benannt, den Ehrentitel „Kommandeur der Ehrenlegion“ hatte ihm zu Lebzeiten noch Staatspräsident De Gaulle verliehen. Tabarlies letztes Boot, die „Pen Duik“  liegt in seinem Hafen an Land.  Er hatte es eines Nachts in der irischen See während einer seiner vielen atemberaubenden Abenteuer unfreiwillig  verlassen. Angeblich musste er mal. Die allermeisten um Leben gekommenen Segler werden übrigens, wenn sie überhaupt gefunden werden, mit offener oder ohne Hose geborgen.  Offiziell  hieß es, der Grossbaum habe Tabarly von Bord gefegt. Er war nicht angeleint.

Wir haben daraus gelernt, dass großer Ruhm nicht vor Torheit schützt und zwei Regel beachtet werden sollten: Erstens niemals auf See außenbords  pinkeln – und wennschon – zweitens dann mit Sicherheitsgurt.

Zurück zur wundersam  yachtfreien See.  Nirgendwo in Europa sind so viele Freizeitschiffe zugelassen wie in Frankreich. Die Zulassungsnummern in den französischen Segeln sind fünfstellig, in Deutschland kommen wir locker mit vier Stellen aus. (Die Luv hat die Nummer GER5148) . Hamburgs Yachthaven  in Wedel, Deutschlands größter,  bietet Platz für 2000 Boote. In  La Rochelle  allein passen fast dreimal so viele hinein und Arcachon, unser Ziel für heute, steht dem nicht viel nach.

Wir lesen, dass die dortige Warteliste  einen Liegeplatz  erst in 26 Jahren in Aussicht stellt. Ob die Skipper etwa darum  ihren Hafen nicht verlassen, weil weggegangen, Platz vergangen? Haben die überhaupt Platz für Gäste? Sicherheitshalber beschließen wir, heute Nacht in einer geschützten Bucht in der Nähe der Stadt vor Anker zu gehen.

Heiko Tornow

Artikel 4: Der Hafentag

Logbuch der Luv

La Rochelle , Hafentag

Geschichten über die Fortbewegung mit Segelbooten lassen sehr oft das Wichtigste aus: Die Häfen.

Die meiste Zeit liegen die Yachten schließlich angebunden im sicheren Hafen anstatt ungebunden auf den Wellen zu tanzen. Und ist das Schiff doch mal auf See, dann ist der Hafen immer das Ziel.(An dieser Stelle lassen wir mal die Betrachtung außer acht, wonach für den wahren Segler der See-Weg allein schon das Ziel sei) . Eben haben wir einen Hafen verlassen, von dem uns zuvor leider niemand abgeraten hat. Pornichet ist ein trister, an der Mündung der Loire gelegener Ort. Die Luv hat dort für eine Nacht Rast gemacht, weil die Crew nach 85 Seemeilen Schaukelei keine Lust mehr hatte, noch weitere zwei Stunden in den späten Abend hinein bis zum nächsten kuscheligeren Fischerhafen zu segeln. Der Supermarkt dort – wenn es denn einen gegeben hätte – wäre garantiert schon geschlossen gewesen und unsere Vorräte, nicht nur an Wein und Bier, sind auf null. Pornichet also, eine langgestreckte Bucht, die von einem bis zum anderen Ende mit massentouristisch nutzbaren immer gleich öden Betonklötzen bebaut ist. Ich bin sicher, diese Stein gewordene Einfallslosigkeit ist allein einem einzigen Architekten gelungen. Ein zweiter Baumeister hätte sicher für ein ganz klein wenig Abwechslung gesorgt.

Weil mithin über Pornichet eigentlich nichts weiter zu berichten wäre, will ich die Gelegenheit nutzen, über das zu schreiben, was uns Seglern in Häfen wirklich wichtig ist. Ich meine die Fascilitäten. Oder auch Toiletten und Duschräume genannt. Nichts ist wichtiger, als nach langer Sturmfahrt mit heißem Wasser das Salz aus den verklebten Haaren und vom ausgekühlten Körper zu spülen. Die Qualität und Verfügbarkeit der Hygiene-Gebäude bestimmt daher für Wassersportler den Rang der Häfen in der Qualitätshitliste.

Denken wir, wenn wir uns an den letzten Helgolandaufenthalt erinnern, an die rotfelsige „Lange Anna“ oder den Helgoland-Hummer? Keineswegs. Die Spitzenmeldung auf der offiziellen Website zur größten deutschen Hochseeregatta, der Nordseewoche an Pfingsten 2013, war diese Mitteilung: “ Mehr Toiletten und Duschen im Hafen Helgoland!“

 Kommt man, wie gegenwärtig die Luv auf der Langfahrt über Deutschland hinaus nach Westen, festigt sich in allen EU-Anlegestellen die gleiche Erfahrung: Die Planer und Erbauer von Hafenklos und Hafenduschen sind sämtlich keine Segler. Sonst wüssten sie nämlich, dass die Crews in aller Regel mit Jacke, Hemd und Hose, mit Handtuch und Kulturbeutel zur Körperpflegestelle laufen. Wohin aber mit alldem? Keine Ablageflächen nirgendwo, kaum Haken, um die Utensilien loszuwerden. Dann steht also Hein Seemann halbnackt vor dem Waschbecken, die Klamotten zwischen die Knie geklemmt und putzt sich die Zähne. Unter der Brause bietet sich der Trick mit den Knien eher nicht an. Waschraum im HafenHeute früh, in der Dusche von La Rochelle, wird ein weiterer Mangel offenbar. Sowohl Kleidung als auchKultur können kunstvoll auf einen Knopf geknotet werden. Die Schuhe bleiben am Boden. Ein grober Fehler. Per Knopfdruck schiesst es mit Hochdruck aus der Brause und setzt die winzige Kabine unter Wasser. Die Schuhe auch. Regelbar sind Menge, Druck und Richtung des alles befeuchtenden Strahls nicht. Dafür ist die Temperatur angenehm warm. Das ist nicht immer so. In Pornichet gibt’s zwar auch keine Haken und Ablagen, dafür ist das Wasser ausschließlich knallheiß. Die Franzosen bringen in ihrer Hafen-Douche nicht nur empfindliche deutsche Gäste sondern womöglich auch ihre Hummer um. Nicht wenige Segelboote an der Atlantikküste führen tatsächlich Hummerkörbe als Fanggerät mit an Bord.

Apropos warmes Wasser. Irgendwer sollte den Engländern mal verraten, dass die Einhebelmischbatterie bereits erfunden wurde. Mindestens in allen von uns dort angelaufenen Ports war diese nützliche Neuerung unbekannt. Links warm, rechts kalt, mischen in der hohlen Hand. Wenn irgendwer in Frankreich mit Blick auf Elbphilharmonien, Bahnhöfe und Flughäfen Hohn und Spott über unfähige deutsche Grossprojektplaner ausgießen sollte, darf man ihm entgegenhalten : „Port des Plaisance La Rochelle“. Mit 5000 Liegeplätzen der mit Abstand größte Sportboothafen Europas. Noch nicht ganz fertig. Aber die Duschen sind bereits verschimmelt. Die Lüftung wurde vergessen. Vordeckdusche

Zum Thema Toiletten noch etwas Versöhnliches. Zwischen Pornichet und La Rochelle bleiben wir zwei Tage auf der wirklich traumhaften Insel Isle D’yeu. Auch dort keine Haken und Ablageflächen aber ein Schild an der Tür: „Geschlossen ab 20 Uhr.“ Was machen wenn man nachts mal muss? Das Bordklo, im Hafen sonst tabu, kommt zu Ehren. Beim Pumpen im dustern spühlt es mit einem mal hell grünes Meeresleuchten ins Becken. Kann man feiner pinkeln?

Heiko Tornow