Vom geplanten Untergang nach länger Seefahrt

Bericht Nr 7

Auf See vor Nordspaniens Küste, Wind 0-1

Unter Motor

Über was man so redet, beim gemütlichen Essen . Heute ist es noch warm, die tiefstehende Venus, der Abendstern,  ist eben gerade nach nur wenigen Minuten ihres frühen Leuchtens hinter den Ausläufern der nahen baskischen Pyrenäen untergegangen.

Untergang. Das ist das willkommene Stichwort für ein anregendes Tischgespräch im Cockpit der Luv. Es stellt sich nämlich als Ergebnis einer kleinen Umfrage entlang der Sitzordung von  steuerbord übers Heck nach backbord heraus, das alle fünf Crewmitglieder dermaleinst untergehen wollen, bevorzugt in der Nordsee, vor Cuxhaven. Seebestattung ist ja ziemlich populär geworden und für wen, wenn nicht für mehr oder weniger betagte Seebären, bietet sich so etwas als letztes Reiseziel an?

Michael berichtet anregend von einer solchen Zeremonie, die unlängst vor Neustadt vonstatten ging. Er weiß davon nur aus zweiter Hand, von einem Seglerfreund, das spricht dafür, das es sich nicht um Seemannsgarn handelt. Michael also erzählt: Die kleine Trauergemeinde hatte sich auf einer schmalen Barkasse eingeschifft und war zunächst frohen Mutes in See gestochen. Die bekränzte Urne des verstorbenen Freundes, mutmaßlich – so Michael – auch ein Segler,  besetzte einen zentralen und bekränzten Ehrenplatz an Deck.

Schon in der Hafeneinfahrt, die sich nach Osten öffnet, stand gehöriger Schwell, weiter draußen wurde es weit  wackeliger. Der grossen Mehrheit an Bord wurde rasch und nachhaltig schlecht und übel. An der amtlich zugewiesenen Urnenabwurfzone angekommen musste sich der Seebestatter energisch  durchsetzen. Man solle gefälligst mal aufhören mit dem Übergeben, das zerstöre doch irgendwie die notwendig ernste Stimmung.

Claus nimmt noch ein zweites mal von unserem Fischgericht und sagt, ihm wäre es egal, ob bei seiner eigenen Seebestattung gekotzt würde, er würde auf jeden Fall die Nordsee als Seemannsgrab bevorzugen, auch wenn die Gefahr dort größer sei, sich bei der Bekannt- und Verwandtschaft posthum unbeliebt zu machen. Elbsegler Eggert teilt mit, er sei auch für die See zwischen Helgoland und Cuxhaven, er habe das in seinem Testament noch nicht festgelegt. Das klingt so, als ob sein letzter Wille  demnächst auf der Tagesordnung stünde.

Unser Segelkamerad Loewe hat eigene lustige Erfahrungen mit diesem eigentlich traurigen Thema gemacht. Es ist schon ein paar Jahre her, da segnete in einer schottischen Kneipe sein bester Freund, ein bekannter Hamburger Künstler, das Zeitliche. Er war mit seinem Boot nach Edinburgh gesegelt und hatten seinen Landfalll nicht lange überlebt. Herzinfarkt. Loewe übernahm den  letzten Dienst und begab sich nach Edinburgh, die sterblichen Überreste nach Hamburg heimzuholen. Die befanden sich bereits in einer Urne.

Loewe  hatte Vollmacht, er unterzeichnete diverse Papiere und packte den Freund dann zum sicheren und bequemen Transport in eine Plastiktüte. Vor dem Heimflug besuchte er noch besagte Kneipe und feierte mit der Urne auf dem Tresen und zahlreichen berührten und begeisterten Schotten zünftigen Abschied. Der Freund, so Loewe, sei ein großer Whiskykenner gewesen und die Einheimischen hätten das sehr zu schätzen gewusst.

In Hamburg kümmerten sich weder Zoll noch Einwohnermeldeamt um den Verblichenen und seinen Verbleib und so fand ohne behördlichen Segen der Einhandsegler ein paar Wochen später – übrigens bei allerbestem Wetter und vor zahlreichen Zeugen, die alle zum Schweigen verpflichtet wurden – in einer sanft geschwungenen kleinen Bucht vor

der dänischen Insel Avernakö seine letzte Ruhestätte.

Diese Ordnungswidrigkeit ist natürlich längst verjährt und nun darf darüber straflos berichtet werden.  Der genaue geografische Ort  der Seebestattung ist präzise in einer geheimen Seekarte eingetragen. Und, so Loewe, er kenne einige, die an gleicher malerischer Stelle mit ihrer eigenen Asche eine winzige Untiefe  bilden möchten.

Das anregende Abendessen an Bord der Luv geht mit einem Glas guten spanischen Rotweins zu Ende. Whisky haben wir nicht an Bord. Wir leben schließlich noch.

Heiko Tornow

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