Ein Geniestreich

„So, Sie wollen schon los? Damit haben wir gar nicht gerechnet. Ihr Schiff liegt noch in der Halle.“ Den Empfang durch den Werft-Manager Darrin haben wir uns irgendwie anders vorgestellt. Vor Wochen schon hatten wir schriftlich unsere Ankunft in Nova Scotia für den 15. Mai avisiert. Vier Mann und Rosi erscheinen denn auch pünktlich früh am Morgen und tatendurstig mit Sack und Pack in der Gold River Marina. Wir wollen die LUV nach dem langen Winter wieder fit machen für die kommenden Segeletappen in der Neuen Welt. Und nun das. Die LUV stehe ganz hinten in der Halle, sagt der freundliche Darrin. Es sei geplant, das Schiff nach dem Victoriaday, dem Nationalfeiertag, ins Wasser zu lassen. Also erst in vier Tagen.

Die Gesichtszüge der LUV-Crew entgleisen kollektiv. Die Körpersprache schaltet von frohem Tatendrang auf totale Depression. Ich muß mich erst mal setzen. Warum, so frage ich, seien wir wohl hier und heute und mit reichlich Vorwarnzeit eingetrudelt? Um zu warten?

„Sightseeing?“ schlägt Darrin vor, merkt aber gleich, dass das eine besonders blöde Idee ist. Und er merkt auch, dass er umdenken muß, wenn er heile aus der Sache rauskommen will. Es geht dann doch. Am Abend rollt die LUV mit dem Transportwagen aus der Halle. Man sei eben spät dran in diesem Jahr, entschuldigt sich der Manager, der Winter sei furchtbar lang gewesen und sehr schneereich. „Drei Meter hoch.“, sagt Darrin und weist auf die Schneereste auf dem Werftgelände hin, die Ende Mai tatsächlich noch längst nicht weggetaut sind.

Mit dem nächsten Hochwasser schwimmt die LUV im Gold River und wir beginnen mit dem Einräumen. Ein Dutzend Segel, gefühlt 20 Kilometer Leinen, ein Berg von Kojen und Kabinenpolstern – alles, was James und ich im Herbst von Bord in einen trockenen Stauraum an Land geschleppt hatten, muss jetzt wieder zurück an seinen jeweiligen Platz. Mit Frühjahrsputz und Einräumen, mit Deckwaschen, der Reparatur von elektronischen Geräten und dem Beschaffen von Ersatzteilen sind fünf Personen vier Tage lange gut beschäftigt.

Das größte Problem sind die Wantenspanner. Der Gau war bereits im Herbst beim Einmotten der LUV für das Winterlager passiert. Die Werftmannschaft hatte beim Mastlegen die winzigen Schrauben übersehen, mit denen die Wanten gegen unabsichtliches Losdrehen gesichert sind. Mit roher Gewalt und grobem Werkzeug am langen Hebel überwanden die kräftigen Kanadier den metallenen Widerstand und hobelten so die Steigungen der Gewindebolzen glatt. Damit läßt sich nun kein Mast mehr verstagen. Aus Hamburg hat die Frühlings – Crew neue und sündhaft teure Bolzen mit nach Nova Scotia im Fluggepäck. In ganz Nordamerika hatte sich kein Profi auftreiben lassen, bei dem sich die Reparatur des Riggs hätte in Auftrag geben lassen. Wir müssen selber ran.

Die Erbauer unserer X-Jacht haben garantiert nicht damit gerechnet, dass irgendwann einmal im fernen Nova Scotia unkundige Segler diese unmögliche Aufgabe lösen müssen. Sonst hätten sie gewiss nicht die langen schweren Gewindestangen,  welche die gewaltigen Kräfte des Riggs zum stählernen Kielrahmen unten im Schiff führen,  so komplett unzugänglich hinter Einbauschränken, Bodenbrettern, Deckenverkleidungen und Kojenkisten versteckt. Um unsere Ersatzteile einbauen zu können, müssen die fest verschraubten Stangen komplett ausgebaut werden. Natürlich existiert kein Handbuch, keine Zeichnung, keine Anleitung mit klugen Tips für diesen Job. Nach einem zeitraubenden Prozess von Versuch und Irrtum gelingt es, die Stangen aus dem Deck zu ziehen, mit dem sie am oberen Ende – als zusätzliche Schikane – beinahe unlösbar verklebt sind.

Unlösbar sind nun aber auch noch die langen Stangen mit dem Metallgehäuse verkeilt, in dem der  kurze defekte Gewindebolzen steckt. All unsere Kraft reicht nicht. Kein Werkzeug hilft. Alle Mühe umsonst. Wir können nichts auswechseln. Wir können den Mast nicht setzen. Eigentlich könnten wir jetzt tatsächlich nur noch ein wenig Sightseeing machen und zurück nach Hamburg fliegen.

Wenn die Not am Größten, ist die Rettung am Nächsten. Ein Bootseigner, dem ich unser Leid klage, kennt einen Schlosser, der sei ein Genie für jeden Metalljob. Auch am Sonnabend um 16 Uhr? Tatsächlich. Wir finden das Genie – ein Baum von einem Kerl – noch im Dienst und hilfsbereit. Er betrachtet sich die Sache, sagt keinen Ton und schweisst und hämmert und schleift und bohrt und poliert eine geschlagene lange Stunde. Dann ist er fertig und will nur 60 Dollar auf die Hand.

Als am nächsten Morgen ein großer Kran den 22 -Meter-Mast in die LUV hebt, lassen sich die Wanten ohne Anstrengung mit den neuen Gewindebolzen verbinden. Wie geschmiert. Am Abend ist die LUV wieder fit und seeklar für die nächste lange Reise.

Heiko Tornow

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