Über Vorurteile und Garmethoden

Die Amerikaner, so lautet ein gängiges Vorurteil, sind gegenüber Fremden durchaus sehr und oft sogar überschwänglich freundlich – aber diese Herzlichkeit sei oberflächlich. Man könne nichts geben auf die allenthalben zur Schau gestellte Gastfreundlichkeit, das seien zumeist Lippenbekenntnisse.

Zweimal wurden wir allein in den vergangenen beiden Tagen eines besseren belehrt. In Bar Harbour, dem mondänen Millionärs-Domizil auf Desert Island, frage ich den Hafenmeister nach dem Weg zum berühmten Nationalpark. Busse fahren gerade nicht, Taxen sind nicht zu bekommen. Ich mache mich auf den drei Meilen langen Fußmarsch. Da springt der
Hafenmeister auf, schließt sein Büro ab, läuft hinter mir her und lädt mich in sein Auto: „Ich fahr Sie mal eben hin.“ Die Amis halten es einfach nicht aus, einen Menschen laufen zu sehen.

Gestern Abend gehen wir nach einem kalten 40 -Meilen-Trip in dem kleinen Fischerort Jonesport an Land. Die überaus freundliche Lady in der Werft, für deren Mooring wir zwanzig Doller bezahlen, stellt sich als Patricia vor. Sie freut sich über den seltenen Besuch aus dem alten Europa und sie bemüht sich, unsere fremdländischen Vornamen auswendig zu lernen. Wir fragen nach einem Restaurant in der Nähe. Oh, leider, das einzige das Jonesport hatte,  sei vor zwei Jahren abgebrannt. Aber im Nachbarort sei eines, nichts schickes aber ganz ordentlich. Ob wir denn einen Führerschein hätten? Haben wir – und Patricia reicht uns den Schlüssel ihres Volvo und beschreibt uns den Weg. Kein Papier will sie sehen, nichts sollen wir unterschreiben. Sie verleiht ihr – zugegeben nicht mehr ganz neues – Auto einfach so, umsonst. Weil wir Gäste sind und wir dort, wohin wir wollen, anders nicht hinkommen. Patricia warnt uns allerdings vor den besonderen Gefahren in dieser
Gegend. Die Leute fahren wir verrückt in Maine, sagt sie, aber noch viel gefährlicher seien zur Zeit die Elche: „Sehr schöne Tiere, aber riesengroß, wenn die auf einmal aus dem Wald rennen und vor einem auf der Strasse stehen.“
Der Nachbarort ist 21 Meilen weit weg und die ganze Zeit fürchten wir uns in der Dämmerung vor jedem Schatten am Waldrand. Seefahrt ist doch irgendwie sicherer. Anderntags kocht Patricia uns auch noch in ihrer Küche in einem sehr
großen Wasserkessel die zehn Hummer, die wir bei der Fischereigenossenschaft frisch aus den Tanks für kleines Geld gekauft haben.
Ein alter Schwede, Arbeiter in der Werft, hatte uns die angeblich beste Garmethode für die Krustentiere nahegelegt: „In einen Topf mit zwei Finger breit Wasser geben und dann 19 Minuten lang mehr dämpfen als kochen.“ Lebendig? Lebendig, selbstverständlich!
Patricia hat es aber so gemacht, dass auch Tierschützer einverstanden sein können. Nach Johnsport hatte es uns übrigens nur verschlagen, weil – laut Hafenhandbuch – hier der Zoll die LUV und ihre Crew vor der Ausreise nach Kanada abfertigen soll. Dieser umfänglich bürokratische Akt kann nur in wenigen Häfen geschehen. Wir rufen bei der Zoll- und Heimatschutzbehörde an und erfahren, dass mit dem Zollhafen Johnsport sei schon lange her. Wir sollten uns mal keinen Kopf machen.

Gute Reise!!

ps. Am späten Nachmittag setzt Patricia noch einen drauf. Auf dem Werftgelände ist für uns vier LUVianer unter azurblauem Himmel ein Picknicktisch gedeckt mit Wein, Chips, geschmolzener Butter für die Hummer und mit blauweisser Tischdecke. Soweit zu oberflächlich gastfreundlichen Amerikanern.

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