Unser täglich Brot gib uns heute …

Schiffsreisen, zumal auf einem vergleichsweise kleinem Segelboot wie der LUV, sind mit Entbehrungen verbunden. Wer segelt, muss auf vieles verzichten, was das Leben gemeinhin angenehm macht: Dach über dem Kopf, fester Grund unter den Füßen, trockene Socken und dergleichen. (Hier sei, zur Vermeidung von Missverständnissen angemerkt: die Segelei bietet zum Ausgleich durchaus auch wunderbare Erlebnisse. Sturmfahrten im Orkan etwa oder Kollisionen mit Walen, Ereignisse, die Landratten völlig fremd bleiben müssen; aber darüber wurde bereits berichtet).

Ein wesentlicher Mangel jedoch, dass hat heute früh eine Umfrage unter der LUV-Crew einmal mehr bestätigt, schmerzt seit Alters her jeden Seemann und jede Seefrau in außereuropäischen Häfen ganz besonders: das beklagenswerte Angebot an genießbarem Brot und die vollständige Abwesenheit von knusperigen Brötchen. In Australien und Südamerika, das habe ich selbst erlebt, kommen immer mal wieder deutsche Auswanderer an Bord deutscher Seeschiffe und bieten horrende Summen für einen deutschen Brotlaib. Das ist manchmal recht lästig und in diesem Zusammenhang ist eine Redewendung zum geflügelten Wort in der Seefahrt geworden: „Gott schütze mich vor Sturm und Wind, und Deutschen, die im Ausland sind.“ Diese hässlich Bemerkung über die „Schwarbrotdeutschen“ wird dem Leid unserer Landsleute jedoch in keiner Weise gerecht und nach fast einem Jahr in fremden Gewässern leisten wir, selbst leidgeprüft, in aller Form Abbitte.

Ebenfalls in diesem Zusammenhang: Der Hang deutscher Segler zum  frischen Brötchen  hat zu zu einer weiteren diffamierenden Story geführt, die an dieser Stelle kurz notiert und zugleich heftig dementiert werden soll: Wenn ein Skipper, sagen wir mal: aus Buxtehude, nachts einen dänischen Hafen anläuft, führt in sein erster Weg in der Früh zum Bäcker. Dort kauft er Brötchen. Auf dem Rückweg liest er den Aufdruck auf der Tüte, und jetzt weiß er wo er ist. Man nennt das Bäckertüten-Navigation. 

Zurück zu den wirklichen Dramen. In den USA ist die Bäcker – Notlage sozusagen mit den Händen zu greifen. Beim Proviantkauf im supergrossen Supermarkt stehen wir mal wieder vor gefühlt 350 laufenden Metern Brotregalen und buchstäblich jeder Laib, geschnitten oder nur im Ganzen verpackt, ist absolut fluffig, wattig, substanzlos. Ich bin sicher, das ganze riesige Brotangebot hier ließe sich ohne Mühe auf die Größe eines Zuckerstückchens verdichten. Apropos Zucker: das, was die hier für Brot verkaufen, ist zumeist auch noch eklig süß. Ein statisches Wunder übrigens, dass die Konsistenz des Backwerks das Gewicht einer Käse- oder Wurstscheibe aushält.

 

Wie soll man da überleben? Während unserer Atlantiküberquerung zehrten wir von Schwarzbrotvorräten, die wir in Dosen verpackt mitgenommen hatten. Außerdem  konnte Till mit einigem Aufwand frisches schmackhaftes Vollkornbrot backen. Da hatte man was zwischen den Zähnen, ein Biss und der Mund war nicht nur voll mit schnittfester Luft. Das Mehl dafür aber ist längst aufgezehrt, nicht mal beim US-Aldi fand sich Ersatz.

Manchmal verirrt sich ein kleines Paket Knäckebrot in amerikanische Regale, nicht beim Brot wohlgemerkt, sondern versteckt bei den Spezialitäten. Und heute, oh Wunder, gibt es richtige, knackige Brötchen zum Frühstück. Drei verschiedene Sorten, dunkle runde, helle mit Mohn, Roggenbrötchen, wie daheim. Wie das?

Wir sind im Hafen von Mystic, einem idyllischen Örtchen mit langer Seefahrertradition im Nordosten des Long Island Sound. Irgendwie muss es einem gewiss urdeutschem Bäcker hierhin verschlagen haben und der Supermarkt bietet dessen Produkte als „homemade Rolls“ an, hausgemachte Brötchen.

Wir bedauern sehr, dass wir diesen mystischen Platz wieder verlassen müssen. In Essex, Connecticut, ist ein Crewwechsel geplant. Ich fliege für ein paar Wochen nach Hause. Wenn ich wiederkomme, das habe ich fest versprochen, habe ich Schwarzbrot im Gepäck.

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