Zu Besuch bei Moby Dick und Strandräubern auf Nantucket

Der Fußball beschert der LUV-Crew in diesen Wochen zahlreiche Hafentage. Es soll ja Segelboote geben, die mit Fernsehern ausgerüstet sind. Unser Schiff gehört nicht dazu und so muss dafür Sorge getragen werden, dass wir die wichtigsten Spiele der WM dennoch nicht verpassen. Die Zeit zwischen den Wettkämpfen mit deutscher Beteiligung wollen wir nutzen und eine Vorhut reist mit dem gemieteten Auto schon mal ein paar Meilen der LUV vorraus um den einen oder anderen Hafen von Land auszukundschaften.
Heute also Nantucket. Von dieser Insel im äussersten Südosten der USA brach Käptn Ahab auf, um Moby Dick um die halbe Welt zu jagen. Hermann Melville beschreibt in seinem dicht an maritimen Fakten angelehnten Roman diesen „Sandhügel ohne Hinterland, geformt wie ein Ellbogen, Düne durch und durch“: Spassvögel würden behaupten, „von selber wachse das Unkraut dort nicht, es müsse erst angepflanzt werden, zu diesem Zweck würden Disteln aus Kanada eingeführt.“

Wer jetzt an Sylt denkt, der liegt richtig. In Nantucket wohnen im Sommer die wirklich Reichen und angeblich Schönen der Neuen Welt.
Hinter dichten Hecken und rosa Rosen verstecken sich ihre Anwesen mit traumhaftem Ozeanblick. Was den Syltern das allgegenwärtige Reetdach ist auf Nantucket die vom Salzwind verwitterte Holzschindel. Die grauen Bretter sind verantwortlich auch für den Namen der Insel: „Gray Lady.“

In der aufwändig konservierten historischen Altstadt wirbt ein Makler für ein Immobilienschnäppchen: 35 Millionen Dollar kostet das Anwesen mit breitem Privatstrand. Im Walmuseum nebenan erinnert eine gar nicht ironisch gemeinte Schautafel an die indianischen Ureinwohner von Nantucket. Für die sei die Idee der Einwanderer, Land zu kaufen und zu verkaufen eine „Innovation“ gewesen. Luft und Wasser hielten die „Wilden“ genauso wenig für eine Handelsware wie der Grund und Boden, den sie großzügig mit den Siedlern teilten. Bis diese ihnen sagten, nun sei aber mal Schluß mit den unchristlichen Ideen vom Gemeineigentum.

Im Hafen ist nicht viel los. Nur eine Handvoll Gastboote verlieren sich auf den 250 Liegeplätzen. Eine auf Hochglanz polierte Schoneryacht mit blitzenden Beschlägen ist eben dort angebunden, wo vor 200 Jahren die größte Walfangflotte der Welt für die Langfahrt ausgerüstet wurde. Ihre Masten sind so hoch, dass die US-Flugsicherung Sonderlichter im Topp verlangt, um Kollisionen mit Flugzeugen zu vermeiden. Der Weltstar Jonny Depp war vor ein paar Tagen mit seiner Yacht hier. Für den Spottpreis von 130 000 Dollar könnte man den nostalgischen weissen Prachtkahn chartern. Eine Woche lang.

Beim Hafenmeister, hier „Dockmaster“ genannt, will ich einen Liegeplatz für die LUV reservieren. Das geht nur schriftlich, mit genauer Ankunftszeit und mit Vorkasse per Scheck oder Kreditkarte. Für eine Nacht, sagt der Dockmaster ungerührt, seien 300 Dollar fällig, plus 100 Dollar, um unsere schwachen Batterien mit Landstrom aufzuladen.
Da sind wir wohl unter die Strandräuber geraten. Zum Vergleich: Im Stader Stadthafen, geschichtsbewusste Amerikaner würden ausflippen, wenn sie ihr Schiff in solch historischem Ambiente anbinden könnten, hat die LUV zuletzt 13,50 Euro bezahlt.
Vor der Reise nach Nantucket hatte uns vor einigen Tagen ein wohlmeinendes Ehepaar aus Maine gewarnt. Beim gemütlichen gemeinsamen Frühstück aller Gäste in einer Bed&Breakfast-Unterkunft an der Küste kommen wir vom Hölzchen aufs Stöckchen, von der Seefahrt zur Arche Noah und zu der Frage, ob denn tauch Zecken damals zur See gefahren seien.
Die sehr bibelfesten Eltern von vier eigenen und vier adoptierten Kindern wußten es ganz sicher: Von jeglichem Geschöpf sei ein Paar mit an Bord der Arche gegangen, und der liebe Gott und keineswegs die heidnischen Kräfte der Evolution hätten dafür gesorgt, dass eben auch Zecken auf Noahs Schiff die Sintflut überlebt hätten und so auch auf Nantucket fruchtbar wurden: „Die ganze Insel ist verseucht mit diesen Viechern.“
Noch ein Grund für die LUV, einen anderen Kurs zu wählen.

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