„Und was macht Ihr, wenn einer von Euch Nachts über Bord geht?“

Bericht 27

Logbuch der Luv

Position 15 Grad 31 Minuten N

49 Grad 19 Minuten W

Wetter : sternenklare Nacht, kein Mond

Wind NO 4-5 , Seegang 2-3 Meter

Eine immer wieder gern gestellte Frage. Einer von uns geht also über Bord? Michael darf das auf keinen Fall sein. Er am allerwenigsten. Ohne ihn wäre die Luv fahruntüchtig. Außer Michael weiß niemand, wo was in den 87000 Schapps und Schränken, Schubladen und sonstigen Behältnissen der Yacht verstaut ist. „Michael! Wo ist mein Sonnenhut?“ Michael weiß nicht nur, wo das Utensil sich gerade mal wieder versteckt hat, er holt es auch und übergibt es:“Bitte sehr.“ Michael ist der gute Geist der Mannschaft. Er hat den Kaffee schon fertig, bevor nach ihm gefragt wird. Er schafft Ordnung im Chaos unter Deck, eine ganz besondere Dauerleistung. Michael versinkt also nicht.

Till schon gar nicht. Der junge Tischler ist geschätzt als Reparateur von allen möglichen Sachen. Den Rudi hat er wieder hingekriegt, unsere Selbststeueranlage. Auch die Klotür schließt wieder. Man stelle sich vor, sie stünde immer auf. Und außerdem: Wen kam man jederzeit aus seiner Freiwache an Deck rufen, wenn Not am Mann ist. Till ist aus tiefstem Schlaf sofort da:“Was liegt an? Was kann ich tun?“ So einen brauchen wir. Unbedingt.

Eggert? Der fällt sowieso nicht über Bord. Der Boots- und Wachführer weiß nämlich, wie man das vermeidet. Eggert weiß alles. Nachts erklärt der gelernte Physiker, was das Weltall im Innersten zusammenhält („Es hält gar nicht zusammen, es dehnt sich mit wachsender Geschwindigkeit aus.“) und tagsüber tüftelt er erfolgreich Regatta-strategisches am Computer aus. Eggert ist der einzige an Bord, der sich mit unserer Satellitenkommunikationsanlage auskennt. Ohne ihn kein Wetterbericht. Ohne ihn keine Information darüber, dass wir gegenwärtig ganz vorn liegen in der Wettfahrt von Las Palmas nach St. Lucia.

Basti geht schon allein deshalb nicht über Bord, weil er sich immer und überall anschnallt. Der gelernte Rettungsmediziner ist da konsequentes Vorbild für die Nachlässigen an Bord: „Heiko, geh runter und leg deine Rettungsweste an.“ Als Vorschiffsmann ist er gemeinsam mit Till dafür verantwortlich dafür, dass die Manöver klappen. Sie klappen. Verlässlich.

Claus, der erfahrene, ruhige, wortkarge Seemann ist auch so einer , um den uns jede Crew beneidet. Er kann alles, tut alles. Präzises Steuern, freiwillige Backschaft, tolles Labskaus kochen, Leinen mit neuen Taklings versehen, ständig den richtigen Trimm der Segel im Blick. Nein, den Claus müssen wir auch von der Liste streichen.

Dann ist da noch Arne, der zweite Wachführer der Luv. Der ist schon mal nachts über Bord gegangen, eben gerade vor ein paar Tagen. Im Hafen von Mindelow sieht er, wie ein Stegnachbar, ein besoffener Engländer, zwischen sein Schiff und den Steg fällt. Entweder, der wird gleich zu Tode gequetscht oder er ersäuft. Die kritische Situation erkennen und sofort handeln, ist eins. Mit gewaltigem Satz springt Arne zur Rettungstat von Bord – und landet erst einmal im Wasser, Handy in der Tasche, Schienbein lädiert. Darum kümmert sich der St. Pauli-Fan erst, nachdem der Engländer aus dem Wasser gezogen ist.

Auf Arne also können wir nicht verzichten.

Bleibt der Autor dieser Zeilen. Auch der muss nicht ins Wasser. Wer sollte sonst über so ein Unglück berichten? Und außerdem allein die Vorstellung: Allein im Ozean, 4500 Meter Wasser unter den Füßen, das schwankende Hecklicht der Luv entfernt sich immer weiter, Haie vielleicht. Gruselige Vorstellung. Wir lassen das mit dem Mann über Bord.

Heiko Tornow

 

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