Eine gar nicht so herrliche Nacht auf See : White Squalls im Passat

Bericht 26

Logbuch der Luv

Position 15 Grad 48 Minuten N

46 Grad 22 Minuten W

Wetter : leicht bewölkt

Wind NO 4-5 , Seegang 3 Meter

Eine gar nicht so herrliche Nacht auf See : White Squalls im Passat

„Und wieder beginnt ein herrlicher Tag auf See.“ Irgendeiner kommt garantiert mit diesem Schnack, und recht hat er: Es ist noch nicht heiß, die Sonne beginnt den Horizont erst pastellblau, dann rosa bis glutrot zu färben. Wieder ein Sonnenaufgang, den Caspar David Friedrich sich geschämt hätte, zu malen. So kitschig schön. Das erste Licht des neuen Tages verleiht den Passatwolken eine ungeheuer präzise Plastizität. Der erste Kaffee in der Mug dampft, wir unterhalten uns entspannt über Gott und die Welt. Wegen solcher Momente fahren wir mit der Luv zur See.

Heute Nacht dagegen hätte sich die Crew wohl liebend gern an Land gewünscht. Zweimal fallen die gefürchteten „Whith Squalls“ über die Luv her. Aus buchstäblich heiterem Himmel hämmern unglaublich harte Böen in die Segel. Das Tuch schlägt knallend gegen das Rigg, Leinen peitschen gegen Mast und Baum und Deck. Eben noch war leises Segeln unter Spinnaker in vergleichsweise ruhiger See. Jetzt ist die Hölle los. Den ersten Squall wettert die Wache noch mit einigem Aufwand allein ab. Dann geht nichts mehr. Die Luv hat zu viel Tuch oben. Der Sturm fährt in den Spi, das Schiff legt sich auf die Seite, läuft vollständig aus dem Kurs, der Mast berührt fast das aufgepeitschte Wasser. Gegen solche Kräfte ist Arne am Ruder machtlos. Selbst „Hart Backbord“ hat null Wirkung. Sonnenschuß! Vor Mastbruch und Untergang DER Gau der Seesegelei. Was heißt hier Sonnenschuß? Noch nicht mal der Mond scheint. Die Sterne über dichter Wolkendecke geben heute Nacht kein Licht. Bei all dem Lärm, dem sich wild bewegendem Schiff, dem Chaos rundherum, auch noch vollkommene Blindheit.

Die vier Mann von der Freiwache sind aus ihren Kojen gefallen, erscheinen rasch an Deck und packen mit an. Die erste Maßnahme: Der Spinnaker muß runter. Um jeden Preis. Till und Basti, die jüngsten und fittesten, müssen aufs Vorschiff. Angeschnallt natürlich. Das Manöver gelingt reibungslos trotz der Widrigkeiten. Jeder in der Crew kennt seinen Platz, beherrscht seine Handgriffe auch im Dustern. Es bedarf keiner Kommandos – die hätte bei dem Lärm auch niemand gehört. Als das riesige Tuch unten ist, herrscht Ruhe. Der Wind ist zwar noch schnell, passt aber wieder zur Besegelung. Die Luv gehorcht dem Ruder. Die Freiwache geht wieder pennen. Routine.

Tagsüber sind die Hammerböen schon von weitem zu erkennen. Dunkle Wolken ballen sich zusammen, verdichten sich zu einem räumlich kleinen aber ungeheuer energiereichen Tiefdrucksystem. Rollt es von hinten mit dem Passat heran, künden die großen weißen Schaumkronen von der schnellen Luft. Es bleibt Zeit, die Segel zu reffen.

Also schauen wir regelmäßig achteraus. Keine weißen Böen in Sicht. Dafür die Bella Vela, eine große Swan, wir haben sie in der Nacht überholt. Weil wir mit Spi gesegelt sind. Und die nicht.

Soviel zur Frage, warum wir das Risiko eingegangen sind. Die Luv ist in einer Regatta.

Heiko Tornow

 

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