3. Seetag

Wetter: Passatwind 4 bis 5. Leicht bewölkt. Sehr warm

Rudi ist ausgefallen. Über 3000 Seemeilen hat er zuverlässig seinen Dienst auf der Luv verrichtet und das Schiff von Hamburg bis hier vor Afrikas Küste auf Kurs gehalten. Damit ist jetzt Schluss. Rudi hat sich was gebrochen. Mititten in der Nacht gibt mit lautem Knall  die Antriebstange der Selbsteueranlage ihren Geist auf. Bevor wir recht mitbekommen, was passiert ist, schießt die Luv in den Wind. Die festgesetzten Segel schlagen wie wild, es knallt und rattert gewaltig im Rigg.

Bastian sollte auf Rudi aufpassen. So einem Automaten darf man nicht ohne ständige Aufsicht sein Leben anvertrauen. Es könnte ja was passieren, Stangenbruch oder so was. Also hat ständig ein Crewmitglied in unmittelbarer Nähe des Ruders zu wachen. Eine weise Regel, wie sich jetzt zeigt.  Rasch hat Basti die kritische Lage im Griff, das heißt, er steuert das Schiff jetzt von Hand.

Das hatten wir abwechselnd in den ersten beiden Tagen der Wettfahrt ohnehin getan. Unter Spinnacker verbietet sich der Einsatz von Rudi als zu gefährlich. Sein Programm ist nicht in der Lage, wirklich kritische Lagen vorauszusehen und die sind beim Spisegeln, zumal bei böigen fünf oder sechs Windstärken, die Regel. Reagiert etwa der Rudergänger bei einer solchen Bö nicht sofort und entschlossen, schießt das Schiff in die Sonne, läuft es aus dem Ruder, legt sich flach aufs Wasser, fliegt das Segel aus den Lieken, fällt die halbe Besatzung außenbords. All so was.

Nicht einmal das normale Steuern im Passat, also vor dem Wind und vor den Wellen, hatten wir dem Rudi zugetraut.  Bei einem Test stellte sich aber heraus, dass er diese hohe Schule der Seesegelei ganz ordentlich beherrscht. Nach der Panne aber wird Seemannschaft auf der Luv wieder mit der Hand gemacht. Reparatur auf See unmöglich.

An dieser Stelle will ich mal den Versuch unternehmen,  von der Angst des Steuermanns vor der Patenthalse zu berichten. Die  ist die unausweichliche Folge eines Fehlers des Rudergängers und sie passiert immer dann, wenn niemand mit ihr rechnet. Rein technisch gesehen ist sie schlichtweg eine unbeabsichtigte Halse, also eine Kursänderung , bei der das Schiff vor dem Wind segelnd mit dem Heck durch den Wind gedreht wird. Dabei werden normalerweise die Segel kontrolliert und langsam von der einen auf die andere Seite genommen. Ohne Kontrolle passiert das innerhalb von Sekundenbruchteilen. Der  Grossbaum, zuvor mit dem Großsegel  auf der Leesseite, holt mit großer Gewalt und gewaltigem Krach über. Bekommt irgendwer dabei den Baum an den Kopf, war’s das. Haut der Baum in die Wanten, kann entweder er selbst brechen oder der Mast kommt herunter.

Geschieht all das bei viel Wind und gesetztem Spinnacker, sind die Chancen auf gutes Gelingen eher schlecht. Hier im Nordostpassat segeln wir gerade bei viel Wind unter Spinnacker. Arne steht am Ruder. Er sieht gar nicht so aus, als ob er Angst hätte.

Oder hat er nur keine Phantasie?er fragt: „Möchte mich nicht einer ablösen?“

Heiko Tornow.

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