Bericht Nr. 13 Hafenkino

Hafenkino in Las Palmas

Hafenkino in Las Palmas

Hafen von Las Palmas, Gran Canaria

Wetter: Passat, 3 bis 5, Schauer

Hafenkino

In der Karibik soll es noch schlimmer sein, sagt einer der es wissen muss. Der Segler war schon zweimal dabei, bei der ARC-Rallye von Gran Canaria nach Saint Lucia. Er meint die Hafenbürokratie, eine weltweit aktive Plage, die von Seglern oft mehr gefürchtet wird, als pottendicker Nebel oder, sagen wir, eine verstopfte Bordtoilette.  Im hochmodernen  Marinaoffice von Las Palmas steht  LUV-Segler  Eggert seit  einer geschlagenen Stunde  Schlange und wartet. In seinem Jutebeutel der Papierstapel für die Anmeldung: Pässe der Crew, Schiffsversicherungsnachweis, deutsches Flaggenzertifikat, Rechnung der bereits in Teneriffa für 30 Tage im Voraus entrichteten nagelneuen Navigationssteuer.

Die Schlange ist vergleichsweise übersichtlich. Frühes Erscheinen sichert bessere Plätze hatten wir uns gedacht. Und tatsächlich:  Vier Offizielle und eine Sekretärin scheinen an diesem frühen Morgen bereit für den Ansturm der vielen Skipper, die am vorangegangenen Wochenende im Starthafen des ARC eingelaufen sind und nun zu den angegebenen Dienststunden ihrer Meldepflicht genügen wollen. Aktuell sind es nur zwei . Eggert und der Mann mit der Karibikerfahrung. Die anderen pennen wohl noch. Oder sie haben Erfahrung. Denn die Dinge lassen sich leider nicht so flott an, wie erhofft.

Die Offiziellen, mutmaßlich Staatsdiener, haben Zeit. Fürs Kaffeekochen, Kaffeetrinken, Pläuschchen, keine Papiere auf dem leeren Schreibtisch ordnen, fürs Ignorieren der Segler, für deren Abfertigung sie eigentlich da sind,  Zeit, draussen vor der Tür eine zu rauchen. Eine Stunde. Noch mal 30 Minuten. Mittlerweile hat sich das Office gefüllt. Und tatsächlich, eine Stunde vor Mittag  kommt ein klein wenig Bewegung in die Truppe.  Einer der Autoritäten  prüft, kopiert, schreibt eine Liegeplatzrechnung. Die Navigationssteuer will er gleich noch einmal kassieren. Eggert hat es gemerkt und leistet erfolgreich Widerstand. Als er wieder an Bord kommt, hat er einen hochroten Kopf und braucht eine Weile, um seine sprichwörtliche Gelassenheit wieder zu finden.

Die übrige Crew hatte derweil einen vergnüglichen Vormittag. Beim verlängerten Frühstück  sitzen wir im Cockpit und begutachten die Anlegemanöver der ankommenden Boote. Der Wind ist frisch, die Liegeplätze eng, der Raum fürs Rangieren begrenzt. Begrenzt oft auch das Vermögen der diversen Skipper und ihrer Mitsegler ihr Boot ohne Schaden oder zumindest ohne lautstarke Erregung an die Pier zu bringen.

Was beim Anlegen so alles schief gehen kann! Vom fachkundigen Zuschauer immer wieder gern beobachtet und engagiert kommentiert sind die vergeblichen Versuche rückwärts einzuparken. Sehr gern genommen ist auch der allfällige Fehlwurf der Leine vom Boot zu der helfenden Hand auf dem Steg. Entweder ist der Festmacher zu kurz und erreicht nicht das Ziel, oder das Ende knallt dem Helfer mit Wucht an den Kopf und dessen Griff geht ins Leere. Oder die Leine ist mit ihrem anderen Ende nicht an Bord belegt und versinkt haltlos in die Hafenbrühe.  Dann ist das Hallo besonders groß.

Jedesmal nach solchen Missgeschicken passiert das Vorhersehbare. Das Boot, weil ohne eigene Geschwindigkeit steuerlos, vertreibt vor dem Wind, kollidiert mit Pfählen oder anderen Yachten, verheddert sich in Mooringleinen und muss dann einen neuen Anlauf organisieren. Der Skipper einer Hamburger Charteryacht hat es besonders schwer mit seiner unerfahrenen Besatzung. Einer seiner Übungssegler kann den richtigen Knoten nicht und ein Fender fällt ins Wasser. Es dauert, bis das zylindrische Gummikissen wieder an Deck ist. Dreimal nimmt das Schiff Anlauf zum Anlegen. Nichts gelingt. Ein Hafenhelfer mit Gummiboot erbarmt sich schliesslich, übernimmt von der treibenden Yacht eine lange Leine und befestigt sie am Steg. Hand über Hand holt die Besatzung das Boot daran zum Liegeplatz. Höchststrafe für jeden selbstbewussten Skipper.

Der hier hat gleichwohl unsere Achtung. Während des gesamten Scheiterns seiner Anlegebemühungen bleibt er ruhig und gelassen. Kein Brüllen oder Fluchen, kein Geschrei und keine Meckerei. Ungewöhnlich.

„Na, schönes Hafenkino gehabt?“, fragt er uns anschließend.

Doch ja, schon. Es wird wohl noch schöner. 250 Boote nehmen Teil am ARC. Und noch sind längst nicht alle da. Und der Wind wird noch ein wenig frischer.

Heiko Tornow

 

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