Bericht Nr. 12

Logbuch der Luv
Hafen von Caletha, Madeira
Wetter: leichter Regen, schwacher Wind

Atemberaubende Landschaft im Hinterland von Madeira

Atemberaubende Landschaft im Hinterland von Madeira

Energieoptimierung ist heute das Stichwort. Ein hehres Ziel, aufs innigste zu wünschen. Wer segelt, ist schon mal gut dran mit seiner Energieeffizienz. Welches Transportmittel produziert weniger klimaschädliches CO2 als die Windmaschinen mit Mast und Tuch, Rumpf  und Kiel? Umweltpolitisch gesehen ist daher unser Sport zukunftsfähig, auch wenn Herr Vettel angeblich mehr Anhänger hat.
Bei anhaltender Flaute haben wir allerdings ein  Problem.  Dann wird aus unserem flotten, leisen und politisch korrektem Transportgerät unversehens eine laute, stinkende Dieselstaubpartikel-Dreckschleuder. Das ist natürlich bedauerlich. Aber was soll man machen, wenn Madeira noch weit und der Zeitplan eng ist und der Wind sich dauerhaft nach sonstwo verpfiffen hat?  
Die Luv  motort also. Auf der halben Strecke vom  portugiesischen Hafen Lagos bis nach Caletha, einem kleinen Hafen an der  Südküste der Atlantikinsel verlässt uns der Wind. Der Jockel  läuft im niedrigen Drehzahlbereich, 1800 U/ min, mehr nicht.  Nach dem Tanken in Caletha ist unser ökologisches Gewissen wieder ein wenig beruhigt. Der Treibstoffverbrauch kann sich wirklich sehen lassen: weniger als drei Liter in der Stunde verbrennt die 65 – PS- Maschine der  13, 5 Tonnen schweren Luv bei sparsamster Marschfahrt.  Das schafft Vettel locker pro Minute, und sein Dienstfahrzeug ist weit leichter. Und wir nutzen die Dieselabwärme sogar noch zum Heizen, das heißt, wir würden sie nutzen wenn es denn kalt wäre, aber immerhin.
Als wir uns nachts Madeira nähern, haben wir festgestellt, dass die steilen Hänge der Insel von den Ufern bis  zu den Gipfeln sehr autogerecht hergerichtet sind.  Selbst um vier Uhr in der Früh ist das offensichtlich dichte Straßennetz  hellgelborange erleuchtet und die zehntausend Straßenlaternen verleihen dem einsamen Eiland einen nachgerade großstädtischen Glanz. Durchs Fernglas können wir auch ein Auto pro Stunde ausmachen.  Das wird sich in der hellen Gegend gewiss nicht verfahren können.
Die Luv-Crew will auch Autofahren. Wir mieten uns einen preiswerten Kleinwagen, erbetteln uns bei der Touristinfo eine zwei Handbreit große Karte und erkunden Madeira. Das hat sich wahrhaftig gelohnt. Wir erleben eine einzigartig bizarre Vulkanlandschaft mit steilsten Bergen, engsten Schluchten, reißendsten Flüssen, höchsten Hochmooren ( 1600 Meter) fremdartigster üppigster subtropischer Vegetation , die atemberaubenden Superlative wollen gar kein Ende nehmen.  Da haben wir doch ein wirklich vorzeigbares Stück Europa vorzuweisen.

Autodusche der besonderen Art in Madeira

Autodusche der besonderen Art in Madeira

Das müssen sich auch die in Brüssel gedacht haben, als sie in den 90 er Jahren grünes Licht und einige Milliarden  gaben, um das verkehrlich unterentwickelte Madeira ins 21ste Jahrhundert zu katapultieren. Soviel Schönheit muss einfach infrastrukturell erschlossen werden. Seither ist das Basaltmsssiv der Insel kreuz und quer mit einem über 70 Kilometer langem Tunnelsystem durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Im Eifer wurde auch schon mal übertrieben. Nicht wenige der 140 Tunnel  beginnen im Nichts und enden im Nirgendwo.   Es fehlen mal der Strassenanschluss oder die nachfolgende Brücke über ein Tal. Niemals aber fehlen die Straßenlaternen.
Auch nicht bei dem ganz besonders bescheuertem Tunnelprojekt am westlichsten Cap der Insel, dem Ponta do Pargo . Früher konnte man zu diesem gigantischen Aussichtspunkt -312  Meter  Falllinie bis zu den weiß umtosten Klippen  da unten – zu Fuß wandern,  von einer einfachen aber preiswert und guten Gaststätte ist es nur ein kleiner Kilometer über einen breiten Trampelfahrt.
Jetzt führt ein langer betonbesäumter mehrspuriger Strassenkanal zu einem 273 Meter langem Tunnel, in

Völlig blödsinniger Tunnel mit sofortiger Kehrtwende im Flachland vonMadeira

Völlig blödsinniger Tunnel mit sofortiger Kehrtwende im Flachland vonMadeira

dem sich zwei dreistöckige Busse locker begegnen könnten, zu dem sehr schmalen Gelände vor dem malerischen Leuchtturm auf der Klippe. Parken istunmöglich. Der knappe Raum zwischen Tunnel und Steilküste ist vollständig, ich meine buchstäblich vollständig, ausgefüllt mit dem Wendehammer der Straße, die sofort wieder zurück in den hell erleuchtetenTunnel führt. Parken ist aber auch unnötig. Das gigantische Projekt ist ohne Verkehr. Wir sind einsam auf dem Plateau.

Apropos Plateau.  Auf der ganzen Insel gibt es nirgends ein so flaches Gelände wie vor diesem Leuchtturm. Um dort eine Straße zu bauen, wenn es denn einen Bedarf gegeben hätte, wäre ein simpler Asphaltbelag auf dem ohnehin festen Untergrund ausreichend gewesen. So aber wurde in die platte Landschaft ein kilometerlanger tiefer Einschnitt gebaggert, sonst wäre man nicht tief genug gekommen, um das zutiefst  sinnlos Loch überhaupt in die Erde bohren zu können.
Immerhin, irgendwer hat daran verdient. Im Hafen von Caletha erzählt die Wirtin eines kleinen Restaurants, die größte Luxusmotorjacht im Hafen gehöre einem Unternehmer, „der hier alles baut“, der „Pate von Madeira“.
Wir wollen morgen diese schöne Insel verlassen. Der Wetterbericht verheißt uns energiehaltige Luft. Wir setzen die Segel und schippern nach Las Palmas.
Heiko Tornow
 
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