Von Leinen und Bindebändern

Bericht Nr 11
Logbuch der Luv
17. 10. 2013
Atlantikinseln Madeira
Wetter: windstill
 
Wer über das Segeln mitreden will, muss sich mit Leinen auskennen. Wer sich nicht auskennt, gibt sich gleich als Laie zu erkennen, weil er „Bänder“ sagt, oder „Fäden“, oder – noch schlimmer: “ Stricke“.  Das geht natürlich gar nicht. Obwohl  – der Seemann sagt schon mal „anbinden“, nimmt dafür aber ein Bändsel, niemals ein Band, aber auch schon mal einen Festmacher. Das ist ein vielleicht zehn Meter langes Ende. Das Ende des Endes heißt Tampen, ein Ende hat also zwei Tampen. Ich kenne viele Segler, denen sind diese feinsinnigen Wortklaubereien schnurz. Sie bitten um den Tampen, wenn sie ein Ende wollen und richtig erhalten sie dann ein Tau. Alles klar?

 

Fäden gibt es  auch, aber wirklich nur sehr eingeschränkt. An Bord sind das  kleine bunte kurze Dinger, die ins Segel geklebt werden und durch ihr wackeliges Verhalten im Wind anzeigen, ob das Antriebstuch richtig getrimmt ist mit all den Leinen, von denen noch die Rede sein wird. Nur um der Vollständigkeit willen:  Ein Faden hat oder hatte vor allem eine Bedeutung als Längenmaß in der christlichen Seefahrt . Alte Seekarten geben die Wassertiefen in Faden an. Ein Faden = 185 cm. Altmodische Seeleute sprechen heute noch von einer “ Kabellänge“ , wenn sie eigentlich 185 Meter sagen wollen. Kaufte man sich auf Vorrat eine Trosse, also die vollständige Rolle einer Leine, dann war sie eben genauso lang. Trossen wandern in die Vorratskammer des Schiffes , das Kabelgatt. Kabel aber gibt es aber selbstverständlich überhaupt nicht. Das heißt: also Kabel, elektrische Kabel schon, aber das führt hier zu weit.

 

Die Länge allen Tauwerks (das ist der Oberbegriff für all die igedrehten, geschlagenen und geflochtenen Längen ) an Bord unserer Luv dürfte einige Kilometer betragen. Nachgemessen hat das noch niemand, aber ich halte jede Wette.
Die Ankerleine ist die Längste, gut 70 Meter. Und die Dickste mit  5cm Umfang. Wir ankern natürlich nicht mit der Ankerleine sondern mit der Ankerkette. Mit der Ankerleine wird vor allem geschleppt. Zum Beispiel  andere Segelboote, die mit gebrochenem Mast und ohne Motor zwischen hier ( das ist die Insel Madeira ) und unserem nächsten Ziel, das ist Las Palmas,  in Seenot geraten sind und unserer Schlepperhilfe bedürfen.  Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass wir für so etwas  in Anspruch genommen werden, so etwas passiert nie, und wenn doch, dann immer anderen. Wenn aber doch, hätten wir eine Ankerleine zum Schleppen dabei und im Notfall auch zum Ankern, wenn die Kette mal brechen sollte. Wo wir gerade bei sprachlichen Petitessen sind: Leinen, dicke wie dünne, reißen nicht, sie brechen.
Ich sehe schon, die beabsichtigte kurze Abhandlung über Taue und Leinen verliert sich im Detail. Wollte ich jetzt noch von den Schoten und Fallen berichten, die weder was mit Erbsen noch mit Mäusen zu tun haben, oder von den Streckern,  Niederholern, Achterholern,  den Backstagen und Cunninghams oder den Taljen und Toppnanten, die Wirrnis selbst beim geneigtesten Leser wäre wohl vollständig. Nur so viel: all das ist notwendig für sicheres und schnelles Segeln und all das trägt ein gerüttelt Maß an Schuld daran, dass unser schöner Sport als abgehobenes Hobby  für Intellektuelle diffamiert wird. Fußball ist einfacher.

 

Eine kleine Bemerkung, eine Warnung, zum Schluss.  Niemals sollte der Segler, Laie oder Experte, versuchen eine Leine festzuhalten, die „auf Kraft steht“.  Michael hatte unlängst probiert, das ausrauschende Spifall , daran  140 Quadratmetern Tuch voller Wind, mit bloßen Händen zu stoppen.  Das ging gründlich schief. Ihm wurde recht heiß  und die Aktion  trug ihm, dem notorischen Frauenversteher,  auch noch Spott ein:
„Kein Mädchen, nicht mal eine Braut, mag gerne Hände ohne Haut. “ ( Ringelnatz).
Vielleicht doch noch dies, weil ich anfangs von der völligen Tabuisierung des Begriffes „Strick“ in der Seefahrt sprach. Als Verb kommt er gleichwohl vor. Wenn nämlich Hein Seemannn nicht nur sprachlich sondern tatsächlich mit all seinen Bindfäden in‘ Tüddel gekommen ist und sich etwa im Masttopp Fallen und Toppnanten heillos verknotet und verwirrt haben, dann hat da wer „gestrickt“. Dann hilft manchmal nur noch das Messer um des Knäuels Herr zu werden. Und dann werfen wir den Motor an. Es ist eh kein Wind und gleich laufen wir in Madeira ein und machen fest. Mit ner Leine, oder nem Tau oder nem Ende.
 
Heiko Tornow
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