Bericht Nr. 9

Logbuch der Luv

Hafen von Lagos, Südportugal.

Wetter: Sonne, heiß, windstill

Es ist Zeit für eine Zwischenbilanz. Die Luv und ihre Crews haben nach  zehn Reisewochen und 2595   Seemeilen, 28  Häfen und nach Elbe, Nordsee, englischem Kanal, Biscaya und Westatlantik  einen kleinen Rückblick verdient.

Was bleibt in Erinnerung?  Dass Europa ein großartiger und zugleich weitgehend unbekannter Kontinent ist. Dies vor allem: Atemberaubende Landschaften, die von See betrachtet dem Reisenden eine neue Dimension erschliessen . Faszinierende Städte, kultur- und geschichtsbeladen und zugleich modern und lebendig. Gastfreundliche und hilfsbereite Menschen wo immer wir unser Schiff angebunden haben. ein Beispiel von vielen:  Im bretonischen  Lezardrieux  bin ich morgens in aller Frühe durch den Nieselregen zum Bäcker marschiert um die in Frankreich unvergleichlich guten Baguettes zum Frühstück zu holen. Der steile Weg vom Hafen in die Altstadt auf dem Hügel ist lang und je länger desto nasser. Bevor ich den Rückweg antreten kann, spricht mich ein Mann an. Ob ich denn zum Hafen wolle und ob er mich bitte dort hinfahren könne. Ein Taxifahrer, der ein Geschäft wittert?  Ein Bretone mit großem Herzen und Zeit für einen Umweg!

Warum sind wird nicht schon  längst in Brügge oder Portsmouth, in la Rochelle oder in Lagos und Lissabon gewesen? Wir fliegen ein ums andere mal nach Malle und in die Domrep und lassen uns wochenlang in der Sonne braun brutzeln und könnten doch mit weit weniger Aufwand unseren Erlebnishorizont direkt vor unserer  Haustür mit so vielen Grossartigkeiten erweitern.

Ich merke schon, ich gerate ins Schwärmen. Aber in den vierzig Jahren, in denen ich zumeist in der Ostsee herum gesegelt bin, gab es kaum eine vergleichbare schöne Reise.

Zugegeben, die  von der Hanse geprägten Metropolen im baltischen Raum, das paradiesische schwedische Schärenarchipel, die romantische dänische Südsee oder die dramatische Landschaft der Lofoten im Nordmeer sind allemal drei Reisen wert. Aber wir wissen jetzt,   europas Westküste wird von deutschen Seglern sehr zu Unrecht links liegen gelassen.  Wir haben ab dem englischen Kanal in keinem Hafen oder auf See die schwarz-rot-goldene Flagge am Heck von Segelbooten gesehen. Die vielen Schiffe, die jetzt unterwegs sind nach Las Palmas zum Start der ARC-Regatta sind zumeist auf direktem und kurzem Kurs quer durch die Biskaya gehastet. Die haben alle was verpasst.

Keine Überraschung und gleichwohl eine Bemerkung wert: es gab noch nicht ein einziges mal Streit an Bord. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Sechs oder sieben erwachsene Individualisten wochenlang auf engstem Raum, die Privatheit reduziert auf wenige Momente.  Da ist ein hohes Maß an Toleranz gefragt und Zurückhaltung bei der Pflege der jeweiligen privaten Macken gefragt. Aber in dieser Hinsicht  haben wir alle miteinander viele Jahrzehnte Erfahrung sammeln können, angefangen bei der gemeinsamem Kuttersegelei auf der Elbe.

Morgen verlassen wir Europa,  jedenfalls das europäische Festland. In Südportugal bin ich nach kurzem Heimaturlaub wieder an Bord gegangen.  Vor uns liegen etwa 500 Meilen offene See bis Madeira. Politisch gehört diese Insel zu Portugal und damit noch zu unserem Kontinent.   Wir wissen aber nicht viel über Madeira, ausser das die Insel weit weg ist und das auch dort mit dem Euro bezahlt wird. Vielleicht gibts aber auch dort noch europäische Überraschungen. Wir freuen uns drauf.

Heiko Tornow

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