Kleine Rundreise durch ein Paradies

Über die korrupte Elite des Inselparadieses hatte sich schon Kapitän Horatio Nelson aufgeregt. Als amtierender Chef der Marinebasis in English Harbour und Statthalter seiner Englischen Majestät legte er sich zwischen 1884 und 1887 heftig mit den Zuckerbaronen und Sklavenhaltern von Antigua an. Erverlangte von den Rumhändlern und Reedern, nicht immer nur den eigenen Vorteil im Auge zu haben. Die Gesetze des Mutterlandes, auch die Steuergesetze, seien oberstes Gebot. Schmuggel mit den US-Amerikanern zu Lasten der Krone zum Beispiel ginge gar nicht.

Fieberkrank und enttäuscht vom nur sehr kleinen Erfolg seiner Moralpredigten segelte Nelson nach drei Jahren in Westindien zurück nach England. Er hatte ein großes Fass Rum mit an Bord seiner Fregatte „Borea“ genommen. Für den Fall, dass er die Reise nicht überleben sollte, wollte er seinen Leichnam im Schnaps konservieren lassen. Nelson hielt
nichts von Seebestattungen.
Die LUV liegt heute präzise dort, wo die Fregatte des späteren Seehelden lag und wo er das Rumfass an Bord nahm. Nelsons Dockyard heißt zu seinen Ehren der überaus sichere und palmengesäumte Liegeplatz, eines der sichersten Hurrikaneholes in der Karibik. Hier erinnern alte Gemäuer, zahlreiche Kanonen, unglaublich große verrostete Stockanker, an die Historie der großen Segelschiffe.

Die LUV-Crew will  wissen, was sich seit Nelsons Zeiten geändert hat in diesem Inselreich, mit seinen kaum 70 000 Einwohnern eines der kleinsten selbständigen Länden der Erde. Mit einem Mietwagen touren wir einen langen Tag über die kurze Insel.

Wer so reist, muss aufpassen, nicht sofort den eigenen Vorurteilen aufzusitzen. Weil unsere einzigen Informationsquellen unsere Augen sind und wir die gesammelten Bilder gleich interpretieren und bewerten, kann leicht ein falscher, ein ungerechter Eindruck entstehen. Und die Bilder sind widersprüchlich. Wir sehen: Superyachten von Milliardären, exklusive Hotelanlagen an traumhaften Sandstränden hinter prächtigen Korallenriffen, teure Luxusanwesen auf privatisierten Klippen, bunte tropische Vegetation, ein blaues bis türkisfarbenes Meer, bewegt vom
immerwährenden, warmen und maßvollen Passatwind.

Wir sehen auch: verfallene Häuser im Dutzend, viele Kinder, viele Männer, die erkennbar nicht zu tun haben, ab und zu Krüppel an Krücken. Wir fahren über Straßen mit knietiefen Schlaglöchern, vorbei an eben neu gebaute und eben bereits wieder stillgelegte Fabriken, bei denen durch den Asphalt der Mitarbeiterparkplätze schon wieder der Urwald zu sprießen beginnt. Wir sind beeindruckt von einer riesigen Rohrzuckerfabrik, deren metallener Schornstein kalt und umgeknickt ist, deren beeindruckende Quetsch-, und Koch- und Extrahiermaschinen von wohlmeinenden Investoren zu einem Zuckerrohrgedächtnispark umgruppiert wurden sind. Sogar ein Swimmingpool  ist angelegt inmitten dieses Industriemuseums. Aber da sind keine Besucher, keine Museumswächter, keine informationsschilder. Nur Verfall und auf Wandmalereien naive Erinnerungen an ehemalige Größe.

Wir Touren im Linksverkehr im Nordosten von Antigua durch eine ehemals fruchtbare und hochproduktive Kulturlandschaft, in der heute im größeren Maßstab niemand irgendetwas anzubauen scheint. Auf ehemaligen Zuckerohrfeldern wuchert undurchdringliches Stachelgebüsch. Brache Felder bis zum Horizont. Ein paar Bananenstauden, vereinzelte Rinder, einige wenige Gärten gibt es; am Straßenrand auf Brettern von ärmlich gekleideten Frauen ärmlich präsentiert ein paar überreife Bananen, fleckige Avocados, halbvertrocknete kleinwüchsige Ananas, Kokosnüsse natürlich.

Wir wollen den Proviant der Luv auffüllen und verhandeln. Bananen?  Zehn Dollar das Pfund. Ananas? Acht Dollar das Stück. Das sind Preise für blöde Touristen. Im Supermarkt gibt es das Obst ins weit besserer Qualität und für ein Viertel der hier aufgerufenen Summe.

Für dumm verkaufen wollen uns auch die Händler im großen  Dutyfree-Markt in der Hauptstadt St. Johns. Hier gibt’s alles für die Hälfte und nichts, was man braucht. Amerikanische Investoren haben das Areal von der halben Reeperbahngröße direkt  hinter den Anleger für die riesigen Kreuzfahrer gebaut, die für ein paar Stunden hier festmachen. Wenn die Passagiere an Land gehen, können sie gar nicht anders, als die Supersonderangebote der Diamanten-und Uhrenhändler, der Handtaschenanbieter und teuren Klamottenläden für landestypische Folklore zu halten. Nicht wenige bleiben in dieser kitschigen, klebrigen Steueroase hängen und halten das schon für einen Karibikurlaub.

Apropos Steueroase. Deutsche Reeder, auch viele aus dem Alten Land, profitieren gewaltig von den eigenartigen Gesetzen Antiguas. St. Johns ist Heimathafen für eine beeindruckende Flotte von Schiffen.  951 davon gehören deutschen Eigentümern. Diese Zahlen liefert das Internet. Keine andere Billigflagge ist deutschen Schiffseignern lieber. Nie werden deren Frachter je diese Heimathafen anlaufen.  Die bunte Sparflagge mit der aufgehenden Sonne wird gegen eine nur geringe Gebühr gehisst und schon gelten an Bord die Ausrüstungs- und Besatzungsvorschriften der Bananenrepublik und natürlich deren Steuergesetze.

Mitten in St. Johns wähnen wir uns plötzlich im Kölner Karneval. Eine weit überlebensgroße, knallbunt bemalte Betonfigur beherrscht einen zentralen Platz im Zentrum der Hauptstadt. Die Hand ruht auf dem Herzen, das klare Auge ist zuversichtlich in eine ferne aber gewiss herrliche Zukunft gerichtet.  Vere Conrad Bird, dem langjährigen
Premiereminister und „Vater der Nation“,  ist hier ein kitschiges Denkmal gesetzt worden. Berge von frischen Blumensträußen zeigen an: Der Mann war mal höchst populär. Zu Lebzeiten galt er den US-Sicherheitsbehörden als einer, der seine schützende Hand gern über Waffenhändler, Drogenschmuggeler und Geldwäscher hielt.

Birds Nach-Nachfolger, der jetzige Staatschef Gaston Brown, macht sein Geld vor allem mit Immobiliengeschäften. Seit im Zuge der weltweiten Finanzkrise die USA in den Kleinstaaten Westindiens ein angeblich striktes Geldwäschegesetz durchdrückten, wurden auch in Antigua die Milliardäre knapp. Der Niedergang des Finanzsektors stürzte die
Bevölkerung jedoch nicht in zusätzliche Armut. Das Geld der Banker und Spekulanten – oder die Flaggengebühren der deutschen Reeder – ist ohnehin nie bei den einfachen Leuten angekommen.

Unlängst erklärte der Labour-Politiker Brown im Parlament seinen seit seinem Amtsantritt deutlich gestiegenen persönlichen Reichtum mit unbändigem Fleiß. Neben dem Regierungsjob kümmere er sich auch als Teilhaber zahlreicher Unternehmen ausschließlich um das Wohl des Landes. Was jedermann sofort und vorbehaltlos für bahre Münze nimmt.

Wir beenden unseren Ausflug und ziehen eine gemischte – zugegeben: subjektive – Bilanz: Horatio Nelson hätte wenig Mühe, sich im Antigua von heute zurecht zu finden. Die Sklavenhalter und Zuckerpflanzer sind zwar verschwunden, die Strukturen von Macht und Reichtum funktionieren in diesem Paradies aber wie eh und je. Nur die Sache mit dem Rumfass würde 2015 nicht mehr so problemlos funktionieren wie vor 230 Jahren. Antigua muss den Rohrzucker für seinen sündhaft teuren Rum heute importieren. Ein ganzes Fass wäre unerschwinglich.

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