An Bord pfeift nur der Wind

Besser kann es gar nicht mehr kommen. Um sieben Uhr sind wir aus Norfolk ausgelaufen, der Hafenmeister war noch nicht im Dienst, wir konnten ihm das Hafengeld leider nicht bezahlen. Gestern Abend, als wir in die Marina einliefen, hatte er schon Feierabend gemacht. Unterm Strich sind das 100 eingesparte US-Dollar.  Die Sonne scheint, der Wind bläst aus genau der richtigen Richtung und exakt  mit der perfekten Stärke in die Segel der Luv. Die Mannschaft sitzt am gut gedeckten Frühstückstisch im Cockpit. Zum ersten mal, seit wir vor fast einem Jahr aus der Elbe ausgelaufen sind, ist es Michael gelungen, mein Ei auf den Punkt viereinhalb Minuten richtig weich zu kochen und Eggerts Exemplar kernweich so zu servieren, dass er restlos zufrieden ist. Wir loben Michael über den grünen Klee.  Die Arbeit erledigt der Autopilot, der uns nach Norden die Chesapeak Bucht schippert. Seglerherz, was willst du mehr?

Und genau jetzt, ausgerechnet, sagt Öko, unser junger studentische Mitsegler aus Buxtehude-Hedendorf den fatalen Satz: “ Wenn der Wind so bleibt, wird das eine schnelle Reise nach Washington.“  Ich versuche zu retten, was zu retten ist und sage:“ Nie bleibt der Wind wie er gerade ist. So was sagt man nicht.“  Wir alle am Tisch erinnern uns gleich an gestern Nachmittag. Da hatte Öko sogar gepfiffen. Mit der vorhersehbaren Folge, dass der zuvor so vorteilhafte Wind vollkommen einschlief. Das sei ihm so rausgerutscht, entschuldigt sich Öko, dabei weiß er genau: An Bord pfeift ganz allein der Wind und der Bootsmann. Alles andere bringt Unglück, mindestens aber schlechtes Wetter.

So auch jetzt. Kaum ist der Satz von der schnellen Reise aus dem Mund, schon schläft die feine Brise ein.Wie müssen den Motor anwerfen. Als der Wind wieder anspringt, kommt er direkt von vorn, zusätzlich stellen wir eine starke Strömung fest, die uns entgegen der Vorhersage des Tidenkalenders ordentlich bremst. Nix mehr mit guter Fahrt. Zu allem Überfluss überfällt die Luv aus zuvor heiterstem Himmel eine dichte Nebelbank. Es ist kalt, es ist nass, wir sehen nichts mehr. Wir tasten uns durch eine dicke Suppe, und können nur ahnen, dass sich dahinter das angeblich zweitschönste Segelrevier der vereinigten Staaten von Nordamerika versteckt.

Das kommt von der Missachtung seemännischer Gebräuche. Da sage noch mal einer, Aberglaube habe keine Grundlage.

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